Ich möchte heute den Begriff CO2-Kamille kurz erläutern. Es handelt  sich um ein selten erhältliches “ätherisches Kamillenöl”, das durch Hochdruckextraktion mit natürlicher Quellkohlensäure (genannt Kohlendioxid-Extraktion) gewonnen wird. Das ist ein hochmodernes Herstellungsverfahren, das erst seit Anfang der 80er Jahre kommerziell praktiziert wird.

Es gibt bislang weltweit nur wenige Firmen, die über die kostspieligen Apparaturen verfügen. Denn der benötigte Druck, um den Duft aus den Pflanzen in bester Qualität zu gewinnen ist so hoch, als stünde die Anlage mehrere Kilometer unter der Meeresoberfläche (bis zu 75 bar). Es wird nur eine Wärmezufuhr von unter 31 Grad Celsius benötigt, um das normalerweise gasförmige CO2 in flüssige Form zu bringen (überkritisches Kohlenstoffdioxid Formel O=C=O). Diese „Flüssigkeit“ mit den Eigenschaften eines Gases kann das Pflanzenmaterial wie ein Lösungsmittel durchströmen, was ermöglicht, auch hitzeempfindliche natürliche Duftstoffe zu gewinnen.

Quellkohlensäure ist ein toxikologisch völlig unbedenklicher Stoff, der in Gegenden mit vulkanischer Aktivität gewonnen werden kann und somit beim Ablassen nach der Prozedur die CO2-Bilanz nicht belastet. Quellkohlensäure wird zur Entkoffeinierung von Kaffee angewendet, zur Gewinnung von empfindlichen fetten Ölen wie Borretschsamen- und Granatapfelsamenöl, zur Gewinnung von rein natürlichen Lebensmittelaromen und sie wird auch in Abführzäpfchen eingearbeitet. Auch wird sie zur Vorbehandlung von zertifiziertem Bio-Getreide, Ölsaaten, Hülsenfrüchten und Trockenobst verwendet, damit der Kunde keine ungeliebte “Fleischbeilage” in Form von Motten & Co. mit nach Hause nimmt. Die Keimfähigkeit wird davon nicht beeinträchtigt. Die meisten von uns trinken sie täglich im “bizzeligen” Mineralwasser.

Der Duft der CO2-extrahierten Öle (man spricht streng genommen nicht von “ätherischen Ölen”, sondern von Extrakten) ist voller, runder und naturgetreuer als bei den entsprechenden Destillaten, da sie auch die ganz empfindlichen Inhaltsstoffe enthalten, die bei der Wasserdampfdestillation der entsprechenden gleichen Pflanze verloren gehen. Im Ingwerextrakt beispielsweise befinden sich die Scharfstoffe der frischen Pflanze, dieser Duftstoff kann somit die Schleimhäute reizen, im Gegensatz zum milden Ingwerdestillat, ist jedoch bei der Behandlung von Übelkeit und Brechreiz wirksamer. Im Kamilleextrakt befindet sich ein hoher Anteil des entzündungshemmend wirksamen Matricins, welches stattdessen den Folgestoff Azulen enthält. Im fein duftenden Kaffeeextrakt befindet sich Koffein, so dass dieser ein beliebter Wirkstoff für durchblutungsfördernde Anti-Cellulite-Cremes ist. Die Vanilleextrakte sind mit unterschiedlichen Vanillingehalten erhältlich. Ein Großteil dieser Produkte wird für die Lebensmittel- und Spirituosenindustrie eingesetzt, auch renommierte Naturkosmetikhersteller verwenden beispielsweise Kamillen- und Ringelblumenextrakte, die auf diese Weise gewonnen werden.

Wie bei der Hexanextraktion werden auch schwerere, oft den charakteristischen Duft bestimmende Duftmoleküle heraus gelöst, doch anders als bei dieser verbleiben weder im Öl giftige Lösungsmittel noch werden diese an die Umwelt abgegeben. Bei Rohstoffen dubioser Herkunft würden zudem sämliche Pestizide und Umweltgifte ins Endprodukt gelangen, so dass diese so “rein” wie möglich sein müssen. In der Fabrik besteht keine Explosionsgefahr wie beim Umgang mit hoch entflammbaren flüchtigen Lösungsmitteln, doch sind auf Grund der extremen Druckverhältnisse Sicherheitsvorkehrungen das A und O der Produktion.

Im deutschsprachigen Bereich sind mir zwei Firmen bekannt, die ein kleines Sortiment an CO2-extrahierten Ölen im Programm haben: Ronald Reike und Feeling. Abbildung mit freundlicher Genehmigung von FLAVEX

PS Danke an Thomas, er hat zwei Film-Links zum Thema gefunden: hier und hier. Und ja, man kann diese “ätherischen Öle” auch für die eigene Kosmetikherstellung verwenden, sie sind eben etwas teurer und man muss bedenken, dass beispielsweise Scharfstoffe und andere mögliche reizende Stoffe enthalten sein können, wie im Ingwer- und Pfeffer-Extrakt. Und man dosiert sie noch viel geringer als destillierte ätherische Öle. Über abweichende Heilwirkungen dieser Extrakte ist leider noch so gut wie nichts bekannt. Im Großen und Ganzen kann man aber bei vielen Extrakten die gleichen Haupt-Inhaltsstoffe finden.