Wie weiß der Behandler, welche ätherischen Öle bei speziellen Infektionen eines bestimmten Klienten oder einer bestimmten Patientin in Frage kommen? Neben Erfahrung und sicher auch Intuition ist das Aromatogramm das wichtigste Werkzeug des therapeutisch arbeitenden Aromaspezialisten.

Das Aromatogramm

In Frankreich und nur ganz sporadisch in Deutschland wird - meist in spezialisierten Labors - ein Aromatogramm hergestellt, vorausgesetzt, es handelt sich um bakterielle oder pilzbedingte Krankheiten. Denn das Wissen, ein bestimmtes ätherisches Öl zum Beispiel gegen Staphylokokken hilft, führt nicht zwangsläufig zum Erfolg, da der Gesamtzustand des Patienten das Verhalten der Bakterien mit beeinflusst. Staphylokokkus ist nicht gleich Staphylokokkus. Getreu dem Motto von Louis Pasteur " Die Mikrobe ist nichts, das Terrain ist alles." muss man das Gleichgewicht aller Organsysteme und den Allgemeinzustand des Patienten berücksichtigen. Das (neuroendokrinologische) Terrain umfasst

• das Zentralnervensystem (ZNS): Gehirn und Rückenmark steuern das Bewusstsein, das durch den Charakter des einzelnen geprägt ist

• das neurovegetative System: Es reguliert die "automatische" Steuerung lebenswichtiger Organfunktionen

• das endokrine Drüsensystem: Die Hypophyse samt allen ihr untergeordneten Drüsen schütten Hormone in den Blutkreislauf und regulieren somit alle Stoffwechselvorgänge.


Mit dem Aromatogramm kann der Behandler eine Kultur der Krankheitserreger anlegen und ganz konkret testen, welches ätherische Öl (oder Mischung) diese am besten eindämmt oder abtötet.
Ähnlich dem Antibiogramm werden in mehreren Petrischalen Erreger des Erkrankten aus Blut, Urin, Auswurf oder einem Abstrich gezüchtet. Auf die Oberfläche der Nährböden legt man Papierblättchen, die jeweils mit verschiedenen in Frage kommenden ätherischen Ölen oder mit Mischungen aus ätherischen Ölen getränkt wurden. Nach 24 Stunden Brutzeit haben sich die Keime mehr oder weniger ausgebreitet. Wenn das ätherische Öl gewirkt hat, sieht man eine wachstumsfreie Zone rund um das getränkte Papier. Mit 0 oder ein bis vier Kreuzchen wird diese Zone bewertet: +, ++, +++, ++++. Dieser Labortest ist zuverlässig und jederzeit reproduzierbar, für (biochemisch) gleiche Öle erhält man übereinstimmende Resultate.

Aromatog_Collage


Bakterienkiller ätherisches Öl

Alle ätherischen Öle wirken mehr oder weniger stark antibakteriell (bakterizid und/oder bakteriostatisch); einige wirken zuverlässiger bakterizid (Bakterien abtötend) als ganz starke synthetische Desinfektionsmittel wie beispielsweise das Phenol. Sie wirken bei sachgemäßer Anwendung schonender auf den menschlichen Organismus als die Keulen aus den Labors der Chemiker.
Ätherische Öle von hoher Qualität haben einen pH-Wert von 5 bis 5,8, sie sind also leicht sauer. Das ist mit ein Grund für die antibakterielle bzw. bakterizide Wirkung der ätherischen Öle, denn die meisten Bakterien benötigen ein alkalisches Milieu für ihr Wachstum. Auch Viren sind nicht gerade Freunde der ätherischen Öle, doch hier scheint die Wirkung nicht so allgemein zu sein wie bei der Bekämpfung von Bakterien. Mit Hilfe des Aromatogramms kann man zuverlässig und reproduzierbar die bakterizide Wirkung bei unterschiedlichsten Krankheitserregern nachvollziehen. Es ist festgestellt worden, dass die Effekte der ätherischen Öle am lebenden Menschen "in vivo" anders und wirkunsvoller sind, als wenn dasselbe Öl im Reagenzglas eines Labors "in vitro" getestet wird. Ebenso besteht ein Unterschied zwischen der Anwendung von isolierten Bestandteilen aus ätherischen Ölen (zum Beispiel Thymol, Linalool oder Zimtaldehyd) oder synthetischen Ölen und dem kompletten natürlichen Öl, in dem eben dieser Bestandteil vorrangig enthalten ist. Das betrifft vor allem die sogenannten problematischen Öle, deren "Gefährlichkeit" entweder anhand von isolierten Hauptbestandteilen oder in vitro getestet wird. Bei naturreinen ätherischen Ölen scheint die Synergie aller Bestandteile die Gefahren abzuschwächen. Anders gesagt gilt gerade für die ätherischen Öle: das natürliche Öl wirkt stärker und unproblematischer als die Summe seiner Bestandteile.

Zur Illustration der antibakteriellen Wirkung von ätherischen Ölen sei an dieser Stelle ein kleines Experiment geschildert: In einem Liter Fleischbrühe, die mit Wasser aus einer Klärgrube "verseucht" wurde, testete man die kleinste Menge verschiedener ätherischer Öle, die die Vermehrung der Mikroben verhinderte. Man benötigte 0,7 ml Thymian-Öl, 1 ml Oregano-Öl, 1,7 ml Öl der Blätter des chinesischen Zimts und 1,8 ml Rosen-Öl. 5,6 ml des klassischen Desinfektionsmittels Phenol wären nötig gewesen, um den gleichen Effekt zu erzielen.
Es wurden auch schon Untersuchungen in geschlossenen Räumen vor und nach dem Zerstäuben von ätherischen Ölen vorgenommen. Während in einem Beispiel vorher 210 Keime gefunden wurden (einschließlich 12 Sorten von Schimmelpilzen und 8 Staphylokokkenstämme), überlebten nur 8 Keimarten die halbstündige Beduftung mit ätherischen Ölen. Hier wirken vor allem monoterpenhaltigen Öle der Nadelbäume und die Essenzen aus den Schalen der Zitrusfrüchte.

MRSA

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von einigen ätherischen Ölen gegen den gefürchteten, gegen starke Antibiotika resistenten Krankenhauskeim Staphylokokkus aureus (MRSA). Er verliert unter dem Einfluss des Öles von Melaleuca alternifolia (Teebaumöl) Kaliumionen, so dass er an Aggressivität verliert (Hada 2003), zudem verändert sich seine Morphologie, vor allem der Aufbau seiner Zellmembran, stark (Carson & al. 2002).
In mehreren Einzelbeobachtungs-Studien in verschiedenen Ländern konnte zudem gezeigt werden, dass man bei einigen Patienten jahrelange Antibiotikaeinnahmen beenden konnte und ihnen sogar Amputationen ersparten konnte (Dryden & al. 2004; Sherry & al 2001).
Ferner zeigten Zubereitungen aus Eukalyptus- und Teebaumöl in mehreren Beobachtungsstudien, dass MRSA ungleich schneller zu besiegen ist als zuvor lang anhaltende Antibiosen (Sherry E, Boeck H, Warnke PH 2001)

Resistenzen gegen Antibiotika

Bakterienstämme lernen sehr schnell, gegen das menschengemachte und standardisierte „Gift“ Antibiotikum immun zu werden; v.a. Staphylokokkus kann ein Enzym Penicillinase herstellen, das Penicillin unaktiv macht. Resistenzen stellen eine zunehmende Gefahr in Krankenhäusern dar, da dort heimisch gewordene aggressive Bakterienstämme Patienten unnötig gefährden. Das kann bedeuten: Man muss wegen einer relativen “Kleinigkeit” wie einen offenen Bruch  ins Krankenhaus und endet auf der Intensivstation, da man sich diese Bakterien “eingefangen” hat.
Resistenzen entstehen durch: - falsche Einnahme von Antibiotika (zeitlicher Abstand, zu wenige Tage) - unnötige Verschreibungen (bei leichten und/oder viralen Infekten, prophylaktisch) - Antibiotika in Essen (Fleisch, Milchprodukte) und Trinkwasser
Alle ätherischen Öle wirken mehr oder weniger stark antibakteriell, die Spitzenreiter mit Antibiotika-Charakter sind die stark phenolhaltigen Öle wie:
Cinnamomum zeylanicum, Zimt Origanum vulgare, Oregano Satureja montana, Berg-Bohnenkraut Thymus vulgaris Ct. Thymol und Carvacrol Syzygium aromaticum, Gewürznelke Ocimum sanctum, Tulsi (Heiliges Basilikum) Pimenta dioica, Bay und Piment
Eine Resistenz der Bakterien gegen ätherische Öle ist nur schwer möglich möglich, da ätherische Öle aus bis zu 300 (oder mehr z.B. Rose) einzelnen Inhaltsstoffe zusammengesetzt sind und da sich die Zusammensetzung eines ätherischen Öles ständig verändert (Oxidationsprozesse durch Sauerstoff und Licht, Veresterung) und da die Chargen (Ernten) immer leicht unterschiedlich sind. Viele Beiträge zum Thema MRSA finden Sie auf meiner Blogwebsite (über die
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Mehr Informationen finden Sie auf meiner Blog-Website (klick!) unter der Kategorie ‚MRSA’ (rechte Spalte recht weit unten) und im Fachbuch "Aromatherapie für Pflege- und Heilberufe", Sonntag Verlag, 5. Auflage 2011, dort befinden sich auch die Quellenhinweise.



© Eliane Zimmermann, zwei Abbildungen (links) © Monika Volkmann | Nachdruck und gewerbliche Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Eliane Zimmermann.