Vor 10 Jahren führte eine am 1. Februar 2007 veröffentlichte wissenschaftliche Arbeit zu monatelangen reißerischen Meldungen: Lavendel- und Teebaumöl würden bei Jungs zu präpubertärem Wachstum der Brust (Gynäkomastie) [Henley DV, Lipson N, Korach KS, Bloch CA. Prepubertal gynecomastia linked to lavender and tea tree oils. N Engl J Med. 2007 Feb 1;356(5):479-85]. Gelegentlich liest man inzwischen, dass dies eine Tatsache sei und bei allen männlichen Kindern Vorsicht mit ätherischen Ölen geboten sei.

Diese Beobachtung war jedoch an drei (3!!!) Jungs gemacht worden, einer war erst knapp 4,5 Jahre alt, der andere 10 und ein Kind war knapp 8 Jahre alt. Wo sonst in der wissenschaftlichen Welt werden „Studien“ bzw Beobachtungen an drei Menschen dermaßen breit getreten?! Der Verdacht kam bereits damals auf, dass sich entweder Wissenschaftler profilieren wollten, oder dass wirtschaftliche Interessen hinter so einer Art der unseriösen Berichterstattung stecken könnten.

Eliane Zimmermann Schule für Aromatherapie

Lavendelblüten

Der damalige Co-Autor der Studie, der Arzt Kenneth Korach, hatte sich nach 2007 offenbar weiterhin mit dem Thema hormonartige Wirkungen von ätherischen Ölen beschäftigt, denn im Jahr 2010 erschien eine weitere Arbeit von ihm und einem Co-Autor: Physiological effects and mechanisms of action of endocrine disrupting chemicals that alter estrogen signaling. Sie gingen darin nochmals ausführlich auf die Erkenntnisse von 2007 ein. Dieser Text wurde meines Wissens nach nicht heftig in den „sozialen“ Medien diskutiert und verbreitet.

Robert Tisserand, einer der anerkanntesten Aromatherapeuten weltweit und Autor unseres umfangreichsten Fachbuches zu genau diesem Themengebiet Essential Oil Safety, schrieb 2014 zusammen mit der in unserer Branche gut bekannten Bakterien- und Teebaumöl-Forscherin Christine Carson sowie mit Tony Larkman vom australischen Teebaumöl-Verband ATTIA, einen ‚Brief an den Herausgeber’ der renommierten Fachzeitschrift Reproductive Toxicology. Sie beklagen den Mangel an Beweisen für diese aufgestellte Behauptung [Christine F. Carson Robert Tisserand Tony Larkman. Lack of evidence that essential oils affect puberty. Letter to the Editor. Reproductive Toxicology Vol 44, April 2014, 50-51].

Nun erschien vergangenes Wochenende zum 100sten internationalen Fachsymposium ENDO 2018, welches vom 17. bis 20. März in Chicago stattfand, eine Pressemeldung  (auch in ‚Endocrine News’), allerdings ohne Angabe des Erscheinungstages. Es wird darin auf den betreffenden Vortrag am 19. März (vorgestern) über die hormonartige Aktivität von Lavendelöl und Teebaumöl bzw. der relevanten Inhaltsstoffe dieser beiden ätherischen Öle, hingewiesen. In der Pressemeldung wird geschrieben, dass es inzwischen eine wachsende Anzahl von Gynäkomastie-Fälle gäbe, in denen Kinder mit äußerlich angewendeten Teebaumöl- und Lavendelprodukten in Kontakt gekommen waren. Die Störung ließ laut dieser Pressemeldung nach, wenn diese Kosmetika oder freiverkäufliche „Heilmittel“ eine zeitlang nicht mehr angewendet wurden.

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Teebaum-Zweig

Für besagte Fachkonferenz wurde nun also vor zwei Tagen das Thema wieder ausgegraben und es konnte die „Bestätigung“ vorgetragen werden, dass Inhaltsstoffe in ätherischen Ölen, vor allem in Lavendelöl und Teebaumöl, endokrine Disruptoren seien [Hormonstörstoffe]. Darum könnten sie (angeblich) zu Symptomen einer vorzeitigen Pubertät führen und somit auch zum Wachstum der Brust bei männlichen Kindern.

Doch die wissenschaftliche Studie dazu wurde noch gar nicht veröffentlicht! Die Details dieser Arbeit können also noch nicht nachgelesen und überprüft werden, sie sind nur den TeilnehmerInnen der Konferenz, die gestern zu Ende ging, bekannt. Auch kann man nicht überprüfen, ob irgendwelche Firmen oder Verbände diese Studie finanziell unterstützt haben, was unter entsprechenden wissenschaftlichen Arbeiten angegeben werden muss. In der Pressemeldung ist lediglich nachzulesen, dass das National Institute of Environmental Health Sciences  (NIEHS) den Leiter der Studie (Kenneth Korach) unterstützt habe.

Bekannt ist zum jetzigen Zeitpunkt lediglich, dass 1,8-Cineol, Terpinen-4-ol, Limonen (Dipenten) und alpha-Terpineol in diesen Laborversuchen auf menschliche Krebszellen gegeben wurden, um zu bestätigen, dass sie Veränderungen von Östrogenrezeptor- und Androgenrezeptor-Zielgenen sowie Veränderungen der sogenannten Transkriptionsaktivität verursachen können. Diese Riechstoffe, die sowohl in Lavendelöl als auch Teebaumöl vorkommen, zeigten in dieser Arbeit östrogene bzw. antiandrogene Wirkungen. Diese Moleküle gehen sozusagen in Konkurrenz mit den natürlichen Östrogenen, die auch im männlichen Organismus vorkommen, und blockieren zudem männliche Geschlechtshormone, welche männliche Eigenschaften, den Verlauf der Pubertät und das Wachstum kontrollieren. Auch Riechmoleküle, die jeweils nur in einem der beiden ätherischen Öle vorkommen, wurden untersucht: Linalylacetat, Linalool, alpha-Terpinen und gamma-Terpinen, einige davon zeigten keinen Einfluss auf Geschlechtshormone.

Robert Tisserand nennt dieses Vorgehen, eine Pressemeldung VOR der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit zu verbreiten, in seiner Video-Stellungnahme auf Facebook vom 19. März 2018 „suspicious“, also zweifelhaft bzw verdächtig.

Labormaterial aus Kunststoff: 96-Well Plates

Er betont auch, dass bei der ursprünglichen Arbeit von 2007 Kunststoffplatten verwendet wurden (96-Well Plates), welche Bisphenole und Phtalate enthalten. Brustkrebs-Zellkulturen (MCF-7) wurden in diesen eiswürfelform-ähnlichen Platten mit ätherischen Ölen in Kontakt gebracht. Bisphenole und Phtalate sind bekannte endokrine Disruptoren und können somit zu dem zu bezweifelnden Ergebnis geführt haben. Diese Weichmacher in Plastik können durch die Verwendung von nicht oder wenig verdünnten ätherischen Ölen aus den Kunststoffmaterialien gelöst worden sein. Und so die behauptete negative Wirkung in den Zellkulturen – auch in den aktuellen Experimenten – ausgelöst haben. Erinnern wir uns: Wir können die Details über Materialien und Verdünnungen in der aktuellen Studie (noch) nicht nachlesen, denn diese Arbeit wurde noch nicht veröffentlicht, so muss momentan spekuliert werden.

Dennoch teilen nun unzählige Menschen in „sozialen“ Medien seit Montag diese Meldungen. In Ätherisch-Öl-Kreisen wird heftig diskutiert, Unsicherheit macht sich breit. Ich wurde vor zwei Tagen während der Abnahme einer Abschlussprüfung geradezu mehrfach damit bombardiert.

Artikel zum 100sten internationalen Fachsymposium ENDO 2018 vom 17. bis 20. März in Chicago

Leider macht insbesondere der negative Part der Pressemeldung die Runde, erwähnt wird nicht der relativierende Satz „Our society deems essential oils as safe,” den der Leiter der Studie J. Tyler Ramsey (postbaccalaureate research fellow), ausdrücklich festhält (“Unser Verband stuft ätherische Öle als sicher ein.“). Auch das renommierte Ärzteblatt betete in einer gestrigen Meldung die negative Seite der Pressemeldung nach und ergänzt nicht mit diesem Satz. In den nächsten Tagen werden wir es sicherlich mit noch mehr dieser reißerischen Meldungen zu tun haben.

Ramsey ist Forscher am National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS), Teil des us-amerikanischen National Institutes of Health (NIEHS). Er fügt jedoch hinzu: “However, they possess a diverse amount of chemicals and should be used with caution because some of these chemicals are potential endocrine disruptors.” („Dennoch setzen sie sich aus einer Menge an chemischen Stoffen zusammen und sollten mit Bedacht eingesetzt werden, denn einige dieser Stoffe sind mögliche endokrine Disruptoren.“). Auch wird das Wörtchen „scheinen“ (im Sinn von „anscheinend“ in der Überschrift der Pressemeldung nicht beachtet: „ENDO 2018: Chemicals in Lavender and Tea Tree Oil Appear to Be Hormone Disruptors“ („ENDO 2018: Chemische Stoffe in Lavendelöl und Teebaumöl scheinen hormonelle Disruptoren zu sein“). Selbst die Herausgeber der Pressemeldung relativieren also in dieser Überschrift ihre Erkenntnisse.

Inzwischen gibt es übrigens eine Studie an 106 gesunden dänischen Jungen (2015), welche die alte Annahme, dass eine Gynäkomastie eine Folge von einem gestörten Verhältnis zwischen Östrogenen und Testosteron, also den Geschlechtshormonen, widerlegte. Vielmehr zeigt diese Arbeit, dass IGF-1, ein insulinähnliches Hormon, bei diesem als extrem peinlich empfundenen Beschwerdebild, eine wesentliche Rolle spielt.

Eliane Zimmermann Schule für Aromatherapie

Kunststoffgefäß, nach weniger als 10 Minuten von einem Tropfen Mandarinenöl zerfressen

Also nicht nur die heute übliche Belastung des Körpers mit östrogenartigen Substanzen ist dran schuld, sondern höchstwahrscheinlich auch eine Ernährung, die stark kohlenhydrate-lastig ist [MieritzMG, Rakêt LL, Hagen CP, Nielsen JE, Talman MLL, Petersen JH, Sommer SH, Main KM, Jørgensen N, Juul A. A Longitudinal Study of Growth, Sex Steroids, and IGF-1 in Boys With Physiological Gynecomastia. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Volume 100, Is 10, 1 October 2015, 3752–3759]. Eine mehr oder weniger ausgeprägte Gynäkomastie kann (je nach Quelle) bei bis zur Hälfte der heranwachsenden männlichen Kinder beobachtet werden, insbesondere bei solchen, die relativ jung relativ hoch gewachsen sind. Sie entwickelt sich meistens im Laufe der Pubertät zurück.

Eliane Zimmermann Schule für Aromatherapie

Kunststoffgefäße, nach weniger als 10 Minuten von je einem Tropfen Mandarinenöl zerfressen

Dass endogene Disruptoren diese Beschwerde mit verursachen, wird in dieser Arbeit nicht ausgeschlossen: Es kann sich um Hormone in der Nahrung, insbesondere tierischer Nahrung, Weichmacher in Kunststoffen, Pestizide in pflanzlicher Nahrung, hormonaktive Stoffe in Kosmetik und vielem mehr handeln.

Bereits vor 10 Jahren bezweifelte ich die Behauptungen der ursprünglichen Studie und verwies auf Interaktionen zwischen Plastikbehältern der verwendeten Kosmetika und den darin enthaltenen ätherischen Ölen. Darum rate ich auch dieses Mal wieder dazu, sich nicht verunsichern zu lassen, und aufzuhören, solche zweifelhaften Meldungen im Internet zu verbreiten. Oder diese zunächst sorgsam zu lesen und zu hinterfragen. Zudem zeigt sich wieder einmal, dass es sinnvoll ist, sich an die bewährten Verdünnungsempfehlungen und Vorsichtsmaßnahmen zu halten. Unsere Haut und Schleimhaut kommt dauerhaft am besten mit Anwendungen im 0,5-3%-Bereich zurecht, höher dosierte Anwendungen sollten nur in Ausnahmefällen wie bei akuten Schmerzzuständen und starken Erkältungen erfolgen. Diese Anwendungsempfehlungen für verantwortungsvolle Aromatherapie und Aromaflege sind kürzlich in einem kostenlos runterzuladenden Leitfaden beim Verein Forum Essenzia erschienen. Dieser kann ausgedruckt werden und verteilt werden.

Vielleicht weckt diese aktuelle Diskussion auch diejenigen Personen auf, die glauben, man könne ätherische Öle seinen Kindern in großen Mengen und unverdünnt oder gar innerlich zumuten. Kein Mensch würde Inhalationen mit einer Schubkarre voller Kamillenblüten machen (circa 1-2 Tropfen ätherisches Öl), niemand würde einen Hustentee mit einem Wäschekorb voller Thymiankraut trinken (circa 1-2 Tropfen ätherisches Öl), und niemand würde seine morgendliche Portion Bodylotion mit einer Paste aus den Blütenblättern von 60 Rosen zubereiten (circa 1-2 Tropfen ätherisches Öl).

Ätherische Öle sind hoch konzentrierte Naturstoffe mit eine großen Vielfalt an nachgewiesenen physiologischen Wirkungen.

  • Hochprozentige Anwendungen können diese Abläufe im Körper massiv stören.
  • Hochprozentige Anwendungen zeugen von Respektlosigkeit gegenüber den erntenden Menschen und ProduzentInnen von ätherischen Ölen.
  • Hochprozentige Anwendungen sind ein Zeichen für Unwissenheit und fördern den sich rapide beschleunigenden Raubbau an der Natur.

Darum sollte im Interesse von all diesen Bereichen sorgsam mit den kostbaren Riechstoffen umgegangen werden.

Abbildung Laborplatte: 4titude

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