Wissenschaftliche Studien – sorgfältig archiviert
Das größte Archiv der Aromatherapie ist online benutzbar

Im Folgenden finden Sie einen älteren Artikel von mir. Ein ganzes Kapitel über neuere Studien – über 100 und zwar nur solche mit und an Menschen – finden Sie in der Neuauflage des Aromapflegehandbuchs von Evelyn Deutsch, Bärbl Buchmayr und Marlene Fink. Zudem finden Sie inzwischen auf meinem Blog unter der Kategorie ‚Studien‘ (klick!) (Suchfeld in der rechten Spalte) eine Fundgrube an vorgestellten wissenschaftlichen Arbeiten.

Das Wort „Aromatherapie“ ist ein genauso oft missverstandener wie falsch benutzter oder sogar missbrauchter Begriff. Einerseits bemächtigt sich die Waschmittel-, Kosmetik- und Wellnessindustrie gerne des Prädikats „Aromatherapie“, um den Kunden weiszumachen, dass es sich um ein Duftprodukt mit starkem Wohlfühlcharakter oder gar Genesungsaussichten handeln soll.

Andererseits jubelt vor allem die Frauenpresse gerne über die wundersamen Effekte ätherischer Öle – Berichte, die kritischer Betrachtung gewöhnlich nicht standhalten. Denn allzu leicht können die dort beispielsweise gerne empfohlenen zehn Tropfen Eukalyptus bei einer Inhalation zu schweren Reizungen der Atemwege führen. Auch das Rezept mit 20 Tropfen Pfefferminzöl in der heißen Badewanne wurde gewiss nicht von den Autorinnen ausprobiert, denn sie hätten sonst von einem fürchterlichen Schüttelfrost berichten müssen, der sie nach wenigen Minuten im Bad befallen hätte. Auch die gerne empfohlenen 30 Tropfen Rosenöl in der Badewanne sind unangemessen – allerdings nur im Sinne unnötiger Verschwendung, denn drei Tropfen dieses sehr teuren Öles hätten den gleichen Effekt.

Doch selbst seriöse AutorInnen tappen im Bemühen, der Therapiemethode mit ätherischen Ölen Ernsthaftes abzugewinnen, bisweilen noch im Dunkeln und ihre Fachbeiträge enden auch schon einmal mit dem Hinweis, dass die Wirkungen der Aromatherapie noch nicht nachgewiesen seien.

Das Gegenteil ist der Fall. Die wissenschaftlichen Studien über den Nachweis der Wirkungszusammenhänge von ätherischen Ölen auf den menschlichen Organismus liegen längst in großer Zahl und guter Qualität vor. Dass sie überwiegend in englischer Sprache publiziert sind, mag Teilursache der Fehleinschätzung sein und reflektiert auch den Sprach- und Kulturraum, wo die Aromtherapie traditionell ein anerkanntes komplementärmedizinisches Verfahren ist. Selbst wichtige deutsche Studien, von denen es gar nicht so wenige gibt, findet man oft nur in Englisch. In der weltweit anerkannten medizinischen Datenbank Pubmed, wo nur mehrfach geprüfte Studien Eingang finden, findet man beispielsweise Ende März 2006 genau 266 neuere Einträge zum Stichwort „essential oils“. In der deutsch-englischsprachigen Datenbank Thieme-connect sind es immerhin 70 Treffer.

Die auf ätherische Öle spezialisierte (englischsprachige und kostenpflichtige) Datenbank von Bob Harris, dem früheren Herausgeber der einzigen Fachzeitschrift zur Aromatherapie „International Journal of Aromatherapy” (englischsprachig; www.essentialorc.com) ermöglicht die Lektüre von mehr als 500 wissenschaftlichen Studien zur Wirkweise von ätherischen Ölen, die in der internationalen Fachpresse veröffentlicht wurden.

Es wird also in den internationalen Labors und Kliniken mehr mit ätherischen Ölen geforscht als Laien und selbst Menschen vom Fach sich vorstellen – und das seit Ende des 19. Jahrhunderts. Denn bereits 1887-89 wurde von Chamberland, Cadéac und Meunier in Frankreich der Nachweis erbracht, dass ätherisches Thymian-Öl Kolibakterien, Staphylokokken, Meningokokken und das Koch-Virus zerstören kann (Valnet 1976). In Frankreich liegt aufgrund der frühen Forschungsergebnisse quasi die Wiege der klinisch orientierten Aromatherapie, hier haben sich in den späten 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts ausschließlich Ärzte mit der Thematik befasst. Und somit ist die Anwendung von ätherischen Ölen in der Behandlung von kranken Menschen, also die AromaTHERAPIE im engen Sinne, auch heute in Frankreich noch ein Privileg der eigens darin geschulten Ärzte.

Doch nun endlich zu den guten Nachrichten, den wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkungszusammenhängen von ätherischen Ölen und menschlichem Organismus.
Eine dankbare Disziplin der Ätherische-Öle-Forschung ist der oft geführte In vitro-Nachweis, dass viele Öle sehr effektiv gegen diverse Bakterienstämme einsetzbar sind. Öle mit Antibiotika-Charakter sind vor allem diejenigen, die über einen hohen Anteil an phenolischen Verbindungen verfügen. Es gibt mehrere hundert, teilweise sehr positive Studienergebnissen dazu, denn mit dem Agardiffusionstest, den fast jedes mikrobiologische Labor durchführen kann, verfügt man über eine sichere und vor allem reproduzierbare Methode. Sogar gegen die moderne „Krankenhausplage“ MRSA stehen einige ätherische Öle zur Verfügung, die das Problem der Resistenzen reduzieren könnten und zudem vielen Patienten jahrelange Antibiotikaeinnahmen oder gar Amputationen ersparen könnte (Brady et al. 2005, Dryden et al. 2004, Edwards-Jones et al. 2004, Sherry et al. 2001, Landvatter et al. 2001, Harkenthal et al. 1999).

Im deutschsprachigen Bereich liegen einige bemerkenswerte Studienergebnisse zum Thema vor, von denen einige hier kurz vorgestellt werden:

• Prof. Dr. Hartmut Göbel von der Universität Kiel hat je 1 g Paracetamol und ASS mit 10-prozentig verdünntem Pfefferminzöl bei Spannungskopfschmerzen verglichen und kam zu dem Ergebnis, dass man bei sich bei dieser mittlerweile fast alltäglichen  Beschwerde fast immer genau so gut mit dem Naturmittel helfen kann (Göbel & al.1998).

• Prof. Dr. Gerhard Buchbauer von der Universität Wien erforschte über dreissig Jahre die Wirkung von Riechstoffen auf das Nervensystem von Tier und Mensch und analysierte, ob und wie schnell einzelne Bestandteile von ätherischen Ölen im Blut nachzuweisen sind, und wann sie wieder aus dem Körper ausgeschieden werden. Er hat auch bereits gründlichste Studien über die Wirkweise von Lavendelöl und den Hauptbestandteilen Linalool und Linalylacetat auf die motorischen Zentren gemacht, damit dieses wertvolle Öl endlich das Prädikat  “wissenschaftlich belegt” bekommen kann und nicht nur unter “traditionell angewendet” firmieren muss. Es kann somit immer als Adjuvans zur Behandlung von hypermotorischen und gestressten Patienten verabreicht werden, die angstlösenden und schlaffördernden Effekte machen es auch zu einem idealen Mittel in psychiatrischen und geriatrischen Einrichtungen (Buchbauer 2004).

• Prof. Dr. Reinhard Saller vom Universitätsspital Zürich verglich das ätherische Öl von Melaleuca alternifolia (Teebaum) mit den Ölen anderer Myrtengewächse und fand heraus, dass eine Konzentration von 0,25 % ausreicht, um Staphylokokkus aureus, Escherichia coli und andere Bakterien abzutöten (Harkenthal & al 1999).

• Prof. Dr. Jürgen Reichling von der Universität Heidelberg konzentrierte sich in seiner Forschung mit ätherischen Ölen vor allem auf deren antivirale Wirkung und konnte nachweisen, dass einige ätherische Öle der Myrtenfamilie erstaunliche Effekte zur Verkürzung von Herpes simplex-Episoden haben (Reichling 2006).

• Prof. Dr. Uwe R. Juergens von der Universität Bonn zeigte in einer Vergleichssstudie 1,8-Cineol (Soledum) vs. Cortison, dass Asthmatiker ihre Cortisondosis drastisch reduzieren können, wenn sie Eukalyptol-Kapseln einnehmen (Juergens & al. 1998). Auch andere Pharmazieunternehmen haben ätherische Öle oder einzelne Bestandteile daraus bereits ausführlich unter die Lupe genommen (z.B. Pohl Booskamp mit Gelomyrtol oder Spitzner mit Enteroplant), so dass es auch von dieser Seite gesicherte Erkenntnisse gibt, die im Übrigen von den jeweiligen Firmen meistens gerne zur Verfügung gestellt werden.

Aus dem Ausland gibt es zahlreiche bemerkenswerte Studien, mit deren Hilfe sogar PatientInnen mit schwersten Erkrankungen wie Krebs oder Demenz vielleicht eines Tages wirkungsvolle sanfte Medikamente – zumindest zur Begleitung der herkömmlichen Therapie – zur Verfügung stehen könnten.

• Die Einnahme von d-Limonen (ein Monoterpen vor allem aus Zitrusschalen-Ölen) und dessen Metabolit Perillylalkohol zeigte am Tier und mittlerweile auch am Menschen, dass diese Stoffe bestimmte Krebsarten deutlich verlangsamen können, so dass sich einerseits die Überlebensrate erhöhte oder gar das Wachstum der Tumorzellen für einige Zeit zum Stillstand kam, andererseits kann man den Patienten die verbleibende Zeit damit qualitativ enorm verbessern (Buchbauer 2004, Morgan-Meadows & al. 2003).

• Die ätherischen Öle von Salvia officinalis (Salbei) und S. lavandulifolia (Lavendelsalbei) haben in einer In vitro-Studie einen Anti-Cholinesterase-Effekt gezeigt. Somit ähnelt ihre Wirkung der Wirkweise von modernen Medikamenten, die bei Morbus Alzheimer verschrieben werden. Auch die Öle-Hauptbestandteile Borneon, 1,8-Cineol und α-Pinen zeigten, je nach Verdünnungsgrad, eine Unterdrückung von Acetylcholinesterase (Nicolette & al. 2003).

• In einer Vergleichsstudie an Mäusen und Ratten zeigte sich eine ähnlich stark schmerzlindernde Wirkung des ätherischen Öles von Laurus nobilis (Lorbeer) wie nach der Verabreichung eines Morphinpräparates. Wegen des zugleich entzündungshemmenden Effektes bestätigt das Autorenteam die traditionelle Verabreichung dieses Öles bei rheumatischen Erkrankungen (Sayyah & al. 2003).

Die Forschung über ätherische Öle hat trotz aller positiven Befunde mit einigen Hindernissen zu kämpfen, die auch nicht verschwiegen werden sollen:

Das Interesse an teuren klinischen Studien, die von der Industrie finanziert werden, ist nicht besonders groß, denn kaum ein Pharmakonzern steckt seine Millionen in ein Naturprodukt, das sich nicht patentieren lässt, um so nach erfolgreicher Testphase Profite zu erwirtschaften, und das deshalb von der Konkurrenz beliebig kopiert werden kann. Zudem ist eines der Grundprinzipien der modernen Pharmakologie, dass man sich auf Einzelsubstanzen und deren Wirkweise auf den Körper konzentriert. Ätherische Öle bestehen jedoch aus 400 und mehr einzeln identifizierbaren Molekülen, deren Zusammensetzung auch noch von Ernte zu Ernte schwanken kann; das wirft für die standardisierungs-fixierte Forschung kaum lösbare Probleme auf.

So ist es nicht verwunderlich, dass viele Studien lediglich zu isolierten Einzelsubstanzen aus ätherischen Ölen vorliegen. Beispielsweise sind sowohl Linalool als auch Linalylacetat als Hauptbestandteile von Lavendelöl gut untersucht (Buchbauer 2004). Auch die vielfältige Wirkweise von 1,8-Cineol (Eukalyptol) wurde bereits eingehend durchleuchtet (Juergens1998). Oft werden diese Stoffe aus Kostengründen und der Einfachheit halber in synthetischer Form eingesetzt, sie genießen dann das Prädikat „naturidentisch“; doch jeder Chemiker weiß, dass die in synthetischen Ölbestandteilen vorhandenen chlorierten Trägersubstanzen das Verhalten des Moleküls im menschlichen Körper verändern können (Wabner1996).

Zur Kritik der neueren europäischen Gesetzgebung zur Deklaration von vermeintlichen Allergenen auf Kosmetika (Europäische Union 2003) weisen Experten für Naturkosmetik darauf hin, dass sich beispielsweise „naturidentisches“ Geraniol als Parfumsubstanz in einer Creme ganz anders auf der Haut eines Allergikers verhalten kann als der Bestandteil Geraniol im Rosenöl einer natürlich bedufteten Rosencreme (Weleda 2003). Wissenschaftler beginnen einzuräumen, dass ein komplex aufgebautes ätherisches Öl mehr ist als die Summe seiner extrahierten Einzelstoffe (Hippeli 2004).

Ein weiteres, jedoch nur scheinbares Problem stellt sich den Duftforschern im Wissenschaftsbetrieb angesichts der geringen Eignung des Subjekts für die so hoch gehandelten Doppelblindstudien: Man kann mit ätherischen Ölen nur sehr schwer Doppelblindstudien machen, da ätherische Öle Gerüche aussenden und man keine „nichtriechenden Düfte“ als Kontrollmedium zur Verfügung hat. Doch selbst für diese vermeintliche Hürde haben findige Wissenschaftler inzwischen Lösungen ausgetüftelt, indem sie beispielsweise durch Nasenklammern oder Masken die Geruchs-Dimension ausblenden.

Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien zum Öl von ein und derselben Pflanze unterscheiden sich zudem manchmal voneinander, da sich in den Apotheken der diversen Institute und Kliniken bislang nicht immer standardisierte ätherische Öle nach der jeweiligen Pharmacopoe befinden. Manchmal ist auch nicht bekannt, dass unterschiedliche Pflanzenteile einer Pflanze, unterschiedliche Erntezeitpunkte, unterschiedliche Herstellungsverfahren oder geographisch weit voneinander entfernte Anbau- und Erntegebiete erhebliche Variationen in der chemischen Zusammensetzung des jeweiligen Öles bewirken können.

Bei Lavandula angustifolia (Lavendel), Thymus vulgaris (Thymian), Melissa officinalis (Melisse), Ocimum basilicum (Basilikum) und Rosmarinus officinalis (Rosmarin) kommen zudem jeweils einige stark voneinander abweichende Chemotypen (chemische Rassen) vor. Es gibt Öle von mindestens sieben unterschiedlichen Eukalyptus-Arten im Handel, die teilweise keinerlei Gemeinsamkeiten in ihrem chemischen Profil aufweisen. Einige Öle, allen voran beide bekannten Kamillenöle, werden gar manchmal verwechselt, obwohl sie außer dem typischen Korbblütleraussehen rein gar nichts gemeinsam haben (Matricaria recutita und Chamaemelum nobile). Was für das eine Öl eines Namens gilt, kann für den Namensvetter überhaupt nicht gelten, selbst wenn es sich um botanisch einwandfrei identifizierte Arten handelt.

Wissenschaftler und Ärzte, die sich mit Phytotherapie beschäftigen, finden sich deshalb noch immer allzu oft der Kritik von monokausal argumentierenden oder streng schulmedizinisch ausgerichteten Kollegen ausgesetzt. „Wer sich mit Naturheilverfahren beschäftigt, wird sofort in eine unwissenschaftliche Ecke gestellt“, urteilt etwa der engagierte Erlanger Kinderarzt Peter Guggenbichler, der sich unter anderem mit Ätherisch-Öl-Pflanzen wie Thymian beschäftigt. Obwohl seine Studien wissenschaftlichen Kriterien standhalten und auch regelmäßig in seriösen Fachzeitschriften veröffentlicht werden, hat er nicht nur Freunde unter seinen Kollegen. Die Vorurteile gegenüber jeder Form von Naturmedizin sind immer noch weit verbreitet, auch weil viele Wirkungsmechanismen bislang zwar beobachtet aber nicht klar nachgewiesen werden konnten.

Seriös arbeitende Aromatherapeuten sehen Ihre Disziplin dennoch auch in Deutschland auf dem richtigen Weg. Die Aromatherapie und die Aromapraxis etablieren sich zunehmend in der Komplementärmedizin, schließlich ist sie ein Bestandteil der rationalen Phytotherapie. Die Nachfrage in den Heil- und Pflegeberufen nach einer umfassenden Qualifikation in Aromatherapie hat stark zugenommen, viele Krankenhäuser haben die Aromatherapie in ihr Pflegekonzept aufgenommen, auch zahlreiche Apotheken haben längst kompetente Mitarbeiter für die Abteilung Ätherische Öle – nicht zuletzt aufgrund klar nachgewiesener Beziehungen zwischen Präparat und Wirkung.

Einige Dutzend klinische Studien liefern evidenzbasiertes Wissen dazu, Sie finden unter der Kategorie ‚Studien’ im Aroma-Blog zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in einer kurzen deutschsprachigen Zusammenfassung (rechte Spalte ziemlich weit runter scrollen!). In der dritten Auflage des Aromapflege-Handbuch von Evelyn Deutsch stelle ich über 100 klinische Studien nach Pflegegebieten sortiert tabellarisch vor, es kann hier eingesehen werden: Aromapflege.com Eine Fundgrube an Studien finden Sie auch im Fachbuch Aromatherapie – Grundlagen, Wirkprinzipien, Praxis von Prof. Dr. Dietrich Wabner und der Allgemeinärztin Christine Beier.