Autor: Prof. Dr. Bettina M. Pause
Verlag: Piper
Jahr: 2020
Zuletzt erschienen: 2020
Auflage: 1.
Buch hier bestellen

Lange habe ich nicht mehr dermaßen in einem Sachbuch „geklebt“ wie in diesem Werk einer der renommiertesten Riechforscherinnen der Welt. Prof. Dr. Bettina Pause zählt gar zu den international führenden Wissenschaftlerinnen im Bereich der geruchlichen (chemischen) Kommunikation zwischen Menschen. Schon 2009 berichtete ich in einem allerersten Blogartikel hier auf dieser Seite (kurz) über sie. Umso erfreuter war ich, sie als faszinierende Abschluss-Rednerin auf der 14. Akademie von Primavera im Herbst 2021 miterleben zu dürfen.

Auch wenn sie nur 40 Minuten für ihren Vortrag hatte: Ich finde ihre Arbeit hoch inspirierend, die Kombination aus Erkenntnissen der (Verhaltens-)Psychologie und rund um die teils noch unbekannten Tiefen meines mir so ultrawichtigen Riechsinns faszinieren mich.

Ich bin froh, dass ich diese Schatzkiste an Informationen nicht in einer E-Version gelesen habe, sondern „echt“ auf Papier, denn ich habe viele Stellen markieren müssen, damit ich alle für mich besonders faszinierenden Fakten nochmals durchgehen kann. Ich liebe das Vorwärts- und Rückwärtsblättern, das Anfassen des Papiers, die Buchstaben, die ich einst selbst im Bleisatz setzen lernte.

Besonders fasziniert mich der Mix aus linkshirnhälftig-rationaler „strenger wissenschaftlicher Betrachtung“ und rechtshirnhälftig fast liebevoller Beschreibung der Menschen in ihren unzähligen Experimenten. Als Emotionspsychologin geht es ihr nicht nur um Zellen und Moleküle, die auf etwas reagieren, sondern um das Lebewesen als Ganzes, das aufgrund von Gerüchen Emotionen entwickelt. Diese führen dann erst zu Handlungen. Eine der für mich ganz wichtigen Aussagen dieses wichtigen Grundlagen-Buches lautet:

Der Bereich, in dem das Gehirn gerichtliche Informationen verarbeitet, ist derselbe, der auch für soziale Wahrnehmung und flexible emotionale Verarbeitung zuständig ist. … Unser Gehirn ist in erster Linie nicht für unsere Intelligenz zuständig, sondern um Bindung einzugehen. … Ein Lächeln kann aufgesetzt und falsch sein. Ein Tonfall kann gespielt sein. Der Geruch jedoch ist unbestechlich … unsere olfaktorischen Signale können wir nicht willentlich steuern.

Prof. Dr. Bettina Pause hat Methoden entwickelt, wie gemessen werden kann, in welchem erstaunlichen Bruchteil-von-Sekunden-Tempo Gerüche auf uns einwirken. Sie beschreibt in ihrem Buch diese Experimente und erklärt, warum Fallschirmspringen oder Angstfilme bei solchen Studien nicht zu übertragbaren Ergebnissen bei echten Menschen in echten beängstigenden Lebenssituationen führen können. Das sprichwörtliche „Bauchgefühl“ hat nach ihren Erkenntnissen sehr viel mit der unterschwelligen Wahrnehmung von Gerüchen zu tun.

Es ist unmöglich, in einer Rezension alle die „Perlen“ dieses Buches aufzuführen. Wer sich für unsere Innenwelten und entsprechende Selbst-Erkenntnisse, für die Lösung von „Knoten im Seelenleben“, für den Unterschied zwischen Angst und Furcht und ganz viel mehr interessiert, sollte sich dieses gut und flüssig zu lesende Buch unbedingt zu Gemüte führen. Die Nase bzw der Riechsinn ist der Schlüssel zu vielen dieser Themen. Dass sie das Buch mit einem Gedicht von Novalis (1772-1801), das ich seit meinen Studentinnen-Zeiten liebe, einleitet und schließt, zeigte mir ihren sehr menschlichen und durchaus weiblichen Zugang zur Wissenschaft:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

Wenn die, so singen oder küssen,

Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freye Leben

Und in die Welt wird zurück begeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu ächter Klarheit werden gatten,

Und man in Mährchen und Gedichten

Erkennt die wahren Weltgeschichten,

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.

Text vom Umschlag des Buches: Wir sind, was wir riechen: Unsere Nase kann viel mehr, als wir denken – denn unser Geruchssinn erkennt nicht nur Erdbeeren und Abgase, sondern auch Liebe, Angst und Aggression. Jeder Mensch sendet ununterbrochen Düfte aus, auf die andere reagieren – und umgekehrt.

Bis vor Kurzem glaubte man, wir Menschen wären »Augentiere«. Dabei gehören wir viel eher zu den »Nasentieren«: Unser Riechorgan kann eine Billion Gerüche unterscheiden, unser Sehsinn hingegen »nur« fünf Millionen Farben. Die Art und Weise, wie wir riechen, beeinflusst sogar, ob wir gesund sind und ob wir harmonische Beziehungen und Freundschaften pflegen. Und wie intelligent und glücklich wir sind.

Die renommierte Geruchspsychologin Bettina M. Pause nimmt uns mit in die faszinierende Welt unseres Geruchssinns und zeigt, warum wir gut beraten sind, wenn wir uns viel öfter auf unsere Nase verlassen.