Ich bin von meiner ersten Sommerreise zurück und bereite mich auf die nächste vor: Wir werden mit den TeilnehmerInnen des einen Kurses zu einem Destillationsseminar fahren, das ich auch noch nicht kenne. Es wird von Herrn Lindemann geleitet, dem Gründer und Inhaber der Ätherische-Öle-Firma Maienfelser und eben dort stattfinden. Ich bin jetzt schon gespannt und ich werde mich den ganzen Tag von neuen Eindrücken und sicherlich auch von vielen neuen Düften inspirieren lassen dürfen.
Anschließend werde ich in der Nähe von München einen Tag über die faszinierenden Inhaltsstoffe der ätherischen Öle erzählen. Das ist mein Lieblingskurs: Den reserviert abwartenden TeilnehmerInnen die vermeintlich so komplizierte Chemie der Düfte in Grundzügen beizubringen. Und am Abend zu sehen, wie die Aaaaahs und Oooohs die Gesichter zum Strahlen bringen, denn es hat gar nicht weh getan. Dieser Kurs ist immer ganz interaktiv (Foto oben: wir stellen ein Benzolring – sechs Kohlenstoffatome mit je vier Bindungsmöglichkeiten und mit drei Doppelbindungen an den Füßen) und lustig gestaltet und dennoch bekommen alle einen Eindruck davon, wie faszinierend die Natur der kleinen Duftmoleküle ist. Und warum sie überhaupt wirken können. Die grundlegenden Wirkungsmechanismen der Aromatherapie sind:

  • Die kleinen Bausteine der ätherischen Öle sind fettlöslich (lipophil). Nur so können sie zunächst durch die fettartigen Strukturen der Hautorgane in den Körper eindringen: Öffnungen der Talgdrüsen und Öffnungen der Schweißdrüsen. Sie können an fast jede Zelle unseres Körpers andocken, da die Zellmembranen (Hüllen) aus einer (fettähnlichen) Lipidschicht bestehen.
  • Ätherische Öle können in Mensch und Tier nur wirken, weil die Moleküle, aus denen sie bestehen, winzig klein sind. Nur so können sie in die Haut und Schleimhäute eindringen und dann im Inneren des Körpers ihre wohltuende Wirkung entfalten (Modell unten: das Ethanmolekül ist winzig klein, es besteht nur aus zwei Kohlenstoffatomen mit je vier Bindungsmöglichkeiten).

  • Viele Moleküle, aus denen ätherische Öle bestehen, sind in ihrer Struktur ganz ähnlich wie Moleküle, mit denen der Körper Informationen verarbeitet: entzündungshemmende Stoffe, Neurotransmitter („Gehirn-Informations-Hormone“), Geschlechtshormone etc. Die Duftmoleküle können somit Rezeptoren („Empfangsstationen“) an den Zellmembranen besetzen und ähnlich wie unsere Körperstoffe wirken und sie somit unterstützen oder fast ein bisschen ersetzen, wenn Mangel herrscht (Modell: ein Monoterpen besteht aus zehn Vierer-Bausteinen, also Kohlenstoffatomen mit je vier Bindungsmöglichkeiten).

  • Viele Moleküle, aus denen ätherische Öle bestehen, können beispielsweise Kalziumkanäle an unseren Zellmembranen beeinflussen. Diese wirken ein wenig wie „Steckdosen“ für die Informationsverarbeitung und wenn der „Stecker“ im ätherischen Öl dort andockt, können beispielsweise schmerzhafte Spannungszustände gelöst werden. Das Beispiel Pfefferminzöl ist diesbezüglich inzwischen gut untersucht, so dass man diesem Öl den zungenbrecherischen Fachterminus „Kalziumantagonist vom Dihydropyridin-Typ“ gibt. Pfefferminzöl wird darum nicht nur bei schmerzhaften Zuständen des Colon irritabile (Reizdarm) innerlich verschrieben, sondern auch bei Darmspiegelungen eingesetzt, damit das angespannte und enge Organ die oft schmerzhafte Prozedur leichter über sich ergehen lassen kann.
  • Ätherische Öle bestehen aus Molekülen, die dem Organismus des Menschen seit Jahrmillionen vertraut sind. Und genau so lange können sie Zellstrukuren von Bakterien angreifen, Strukturen, die unsere Zellen nicht besitzen. So dass sie für uns ausgezeichnet verträglich sind, für viele Mikroorganismen aber nicht.
  • Ätherische Öle bestehen aus Molekülen, die untereinander agieren können. Das hat den Nachteil, dass die Öle nicht ewig halten bzw. dass manche Öle bereits nach einem Jahr (nach dem Öffnen der Flasche) nicht mehr so hautverträglich sind wie direkt nach der Destillation. Doch der überaus wertvolle Vorteil ist, dass Bakterien sich gar nicht oder nur unter ganz großen Mühen, gegen die „antibiotische“ Wirkung vieler ätherischen Öle resistent machen können (Modell unten: Benzen, ein spezieller Sechserring aus Kohlenstoffatomen). Denn die dufte Medizin verändert ihre chemische Zusammensetzung täglich, stündlich, minütlich, natürlich nur im Mikrobereich. Für uns kaum bemerkbar, für die kleinen Plagegeister dagegen erheblich. So dass sie kaum Zeit und Gelegenheit finden, abwehrende Enzyme aufzubauen. Und eben nicht resistent werden können.

Ist das nicht faszinierend? Ich kann mich nicht satt lesen an solchen spannenden Infos über die Chemie der ätherischen Öle! Ich habe mir das Thema einst mit Legosteinen erschlossen und benütze diese verständlichen „Bilder“ auch, um die legoartige Welt der Chemie verständlich zu machen. Meine Vorträge zum Thema werden sogar mit einem Duftchemie-Rap zum besseren Merken abgerundet. Mehr dazu am 11. Juli 2009 im wunderschönen Raisting am Ammersee nahe München, Infos und Anmeldung bei Neumond.