Belege gefunden: Babyduft ist wunderbar, Teenager dagegen riechen

Um einordnen zu können, warum Babyduft so wunderbar sein kann, Teenager-Geruch dagegen eher ganz und gar nicht, gehen wir zurück ins Jahr 2004, Linda B. Buck (damals am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle) und Richard Axel (Columbia University in New York), den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin „für ihre Entdeckungen der Geruchsrezeptoren und der Organisation des olfaktorischen Systems“ erhielten. Die Grundlage bildete ihre bereits im Jahr 1991 gemeinsam veröffentlichte Arbeit, in der sie eine riesige Genfamilie von rund 1.000 verschiedenen Genen identifiziert hatten, die beim Menschen etwa drei Prozent des gesamten Genoms ausmacht und für die unterschiedlichen Riechrezeptoren kodiert.

Sie konnten damals belegen, dass jede einzelne Riechsinneszelle in der Nasenschleimhaut jeweils nur einen einzigen Rezeptortyp herstellt und dass jeder Riechstoff mehrere Rezeptor-Arten gleichzeitig aktiviert, wodurch das Gehirn aus der Kombination der Signale Tausende unterschiedlicher Gerüche unterscheiden kann. Damit klärten Buck und Axel erstmals die molekularen Details, wie Duftmoleküle über die Nase aufgenommen, in elektrische Signale umgewandelt und über den Bulbus olfactorius (die beiden paarig vorkommenden Riechkolben), an das Gehirn weitergeleitet werden {dieser Fakt wird übrigens derzeit oft völlig falsch in den unsozialen Medien „erklärt“, denn nicht „das ätherische Öl“ gelangt ins Gehirn, auch nicht die Riechmoleküle, sondern die daraus entstehenden elektrischen Impulse)}.

Die Gewinner des 36sten Ig-Nobelpreis 2026 erhielten eine Trophäe in Form eines Fusses mit Pilzen. Links Élodie Chabrol, rechts Marc Abrahams, Master of ceremonies bei allen bisherigen Ausgaben

Diese Entdeckung spielte in den folgenden gut zwanzig Jahren eine zentrale Rolle für die weitere Erforschung des Geruchssinns, da sie die olfaktorische Wahrnehmung überhaupt erst zu einem zugänglichen Feld der molekularen Neurobiologie machte. Die Arbeit von Buck und Axel die Tür öffnete Türen, um verstehen zu können, wie die äußere Welt der Gerüche im Gehirn abgebildet wird und wie diese Repräsentation wiederum unsere Handlungen und Verhaltensweisen beeinflusst.

Ig-Nobelpreis: zwar satirisch, dennoch hoch interessant

Die Identifikation der Riechrezeptoren als größte bekannte Familie von G-Protein-gekoppelten Rezeptoren* katapultierte die Olfaktorik regelrecht in den Mainstream der Neurobiologie und lieferte das methodische Fundament für unzählige Folgestudien zu Genetik, Biochemie und sogar Epigenetik im Zusammenhang mit dem Riechsystem. Ohne dieses Grundlagenwissen über die molekularen Mechanismen des Riechens wären auch spätere, eher verhaltensbezogene Studien, wie die im Folgenden beschriebene Arbeit, die mit dem aktuellen Ig-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, kaum in dieser Präzision denkbar gewesen. Denn sie bauen auf dem Verständnis auf, wie einzelne Duftstoffe überhaupt rezeptorisch erkannt und neuronal verarbeitet werden.

Der eher satirisch gemeinte Ig-Nobelpreis, der durchaus auch einen ernsten Hintergrund hat, wird jährlich von der Fachzeitschrift „Annals of Improbable Research“ vergeben. Er würdigt Forschungsarbeiten, die zunächst zum Schmunzeln und dann zum Nachdenken anregen sollen. Die diesjährige, 36. Verleihung fand am Donnerstag, dem 3. September 2026 im Kongresshaus Zürich statt, gemeinsam ausgerichtet von der Universität Zürich und der ETH Zürich. Damit verließ die Zeremonie erstmals seit ihrer Gründung 1991 die USA, was unter anderem mit der restriktiveren US-Einreisepolitik begründet wurde.

Das diesjährige Motto der Gala lautete „Pilze“ 🍄‍🟫, und im Rahmen der Feier wurden insgesamt zehn kuriose, aber wissenschaftlich fundierte Studien geehrt. Passend zum Pilz-Motto wurde unter anderem eine Mini-Oper über Pilze aufgeführt und die Gewinner erhielten eine Trophäe in Form eines menschlichen Fußes auf einem Stück Blauschimmelkäse, aus dem kleine Pilze sprießen.

Einer der Preise in der Kategorie „olfaktorische Wahrnehmung“, also Geruchssinn, ging an ein internationales Forschungsteam um Ilona Croy, Tomasz Frackowiak, Thomas Hummel und Agnieszka Sorokowska aus Deutschland, Polen und Schweden (zur Pressemeldung der Uni Jena). Ilona Croy ist Professorin für Klinische Psychologie am Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet dort eine Arbeitsgruppe, die den Einfluss des Geruchssinns auf zwischenmenschliche Beziehungen erforscht. Die Begründung der Jury lautete, das Team habe Belege dafür gesammelt, dass Babys für ihre Eltern wunderbar riechen, Teenager dagegen nicht (zur Original-Studie von 2017 Croy, I., Frackowiak, T., Hummel, T. & Sorokowska, A. (2017): Babies smell wonderful to their parents, teenagers do not: An exploratory questionnaire study on children’s age and personal odor ratings in a Polish sample. Chemosensory Perception, 10(3), 81–87)

Eltern bekommen mit zunehmenden Alter ihres Kindes Schwierigkeiten, es am Geruch zu erkennen, manche Mamas zeigten gar eine Abneigung gegenüber dem Körpergeruch ihrer Söhne, während Papas ähnlich auf den Geruch ihrer Töchter reagierten

Eltern schnuppern Kinderdüfte für die Forschung

In ihrer Untersuchung ließen die Forschenden Erwachsene an Kleidungsstücken riechen, die Babys, Kinder und Teenager über Nacht getragen hatten, nachdem diese zuvor mit neutraler, duftstofffreier Seife gewaschen und in unparfümierter Bettwäsche geschlafen hatten. Dabei zeigte sich, dass die überwiegende Mehrheit der Eltern den Körpergeruch von Babys und kleinen Kindern als besonders angenehm empfand, teilweise sogar angenehmer als den Geruch des eigenen Partners. Eltern erkannten dabei auffällig gut den Geruch ihres eigenen Babys unter mehreren Proben und bevorzugten ihn gegenüber fremden Kindergerüchen.

Mit zunehmendem Alter der Kinder nahm diese besondere Geruchspräferenz jedoch deutlich ab, und rund um die Pubertät kam es zu einer regelrechten Trendwende. Eltern hatten plötzlich größere Schwierigkeiten, ihr eigenes Kind am Geruch zu erkennen, und manche Mütter zeigten sogar eine gewisse Abneigung gegenüber dem Körpergeruch ihrer Söhne, während Väter ähnlich auf den Geruch ihrer Töchter reagierten.

Croy erklärte dazu gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, je älter das Kind werde, desto schlechter empfinde man tendenziell dessen Geruch, und niemand laufe Teenagern mehr nach, um sie aus Freude über ihren Duft auf den Kopf zu küssen. Interessanterweise gewöhnten sich Eltern nach der Pubertät wieder an den Geruch ihrer inzwischen erwachsenen Kinder und entwickelten erneut eine Vorliebe dafür.

Babyduft aktiviert neuronale Schaltkreise für Fürsorgeverhalten

Ergänzend untersuchte das Team mittels Gehirnscans, was beim Riechen von Baby- und Teenagergerüchen im Kopf der Eltern passiert. Dabei stellte sich heraus, dass der typische Babygeruch bestimmte neuronale Schaltkreise aktiviert, die Fürsorgeverhalten auslösen, ähnlich wie es auch große Augen oder das Babbeln eines Säuglings tun. Croy betonte, dass dieses Fürsorgeverhalten also nicht nur optisch oder akustisch, sondern eben auch olfaktorisch, also über den Geruchssinn, ausgelöst werde. Als Ursache für den veränderten Teenagergeruch nannte sie hormonelle Veränderungen während der Pubertät und nicht etwa mangelnde Hygiene der Jugendlichen.

Diese Erkenntnisse sind für Eltern und das familiäre Zusammenleben aus mehreren Gründen bedeutsam. Zunächst liefern sie eine biologische Erklärung dafür, warum die instinktive Fürsorge und Bindung zu einem Neugeborenen oft so stark und unmittelbar ist, was Eltern helfen kann, ihre eigenen Gefühle besser einzuordnen. Gleichzeitig entlastet die Studie Eltern, die während der Pubertät ihrer Kinder eine gewisse emotionale Distanz oder sogar Abneigung gegenüber deren Körpergeruch spüren, denn dieses Phänomen erscheint als biologisch bedingt und normal statt als persönliches Versagen in der Elternschaft.

Das Wissen, dass sich diese olfaktorische Entfremdung nach der Pubertät wieder auflöst, kann Eltern zudem Zuversicht geben, dass turbulente Phasen im Familienleben oft vorübergehend sind. Schließlich zeigt die Forschung, wie stark unbewusste Sinneswahrnehmungen wie der Geruchssinn unser Verhalten und unsere Beziehungen im Zusammenleben prägen, was generell zu mehr Verständnis für die eigene Familiendynamik beitragen kann.

Als Austragungsort für den nächsten IG-Nobelpreis am 5. September 2027 wurde Antwerpen (Belgien) bekanntgegeben. *G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR) stellen die größte Familie von Membranrezeptoren, welche extrazelluläre Signale wie Hormone, Neurotransmitter oder Licht in das Zellinnere weiterleiten.

Fotos: IG-Award 36th Ig Nobel Prize Ceremony Zurich 047.jpg CC by Albinfo 3.9.2026 • Mutter-Kind Foto von Ana Tablas auf Unsplash • Baby Michal Bar Haim auf Unsplash • Teenager Lesli Whitecotton auf Unsplash

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1 Kommentar zu „Belege gefunden: Babyduft ist wunderbar, Teenager dagegen riechen“

  1. Hallo liebe Eliane,

    danke für diesen interessanten und spanndenden Beitrag.

    „…an das Gehirn weitergeleitet werden {dieser Fakt wird übrigens derzeit oft völlig falsch in den unsozialen Medien „erklärt“, denn nicht „das ätherische Öl“ gelangt ins Gehirn…..“

    Wer weiß, bei dem einen oder anderen der das erklären ist es vielleicht doch passiert?

    Herzliche Grüße
    Regina

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