Der Name der Veranstalterin war ein prima Omen: Bio-PARADIES mit der kreativen Inhaberin Doris Karadar. 30 Jahre dieses wunderschönen Bio-Ladens im kleinen südtiroler Ort Eppan waren zu feiern. Korrekterweise handelt es sich um eine ‚Erboristeria‘, dort dürfen die hervorragend geschulten MitarbeitInnen viel mehr an Kräuterzubereitungen empfehlen als in einem Reformhaus oder Bioladen in Deutschland (sie dürfen beispielsweise Gemmotherapie-Beratungen machen und diese tollen Produkte verkaufen). Zum 30jährigen Bestehen dieses feinen Geschäftes versammelte Doris eine wunderbare Mischung aus akademisch ausgerichteten, pflegend-praktisch und künstlerisch-produzierend orientierten Menschen, über 250 wissensdurstige Teilnehmende kamen in diese traumhafte Gegend in der Nähe von Bozen (Bolzano) und ließen sich inspirieren. Sogar die viel beschäftigten Gründer von Primavera Ute Leube und Kurt Nübling waren an beiden Tagen mit dabei.

Doris lud zudem viele ihrer „alten“ WegbegleiterInnen wie Inge-Lore Andres ein. Sie sprach über das Vermögen zur emotionalen Resilienz: Wir können also ätherische Öle einsetzen, um beispielsweise unsere „Wurzeln“ zu erden oder uns mehr Raum im Leben zu verschaffen. Martin Henglein, einer der absoluten Pioniere der deutschsprachigen Ätherische-Öle-Welt, sprach über die Chronobiologie. Es ist also wie bei konventionellen Medikamenten nicht gleichgültig, zu welcher Uhrzeit ich ätherische Öle anwende.

Prof. Dr. Hanns Hatt und Gastgeberin Doris Karadar

Prof. Dr. Dr. Dr. Hanns Hatt bezauberte einmal wieder mit seiner wundervollen Art, hoch komplizierte wissenschaftliche Neuigkeiten mittels supersympatischen und bildreichen „Häppchen“ rüber zu bringen. Es ging unter anderem um das therapeutische Potenzial von Duftrezeptoren (letzter Blog-Beitrag) mit denen unser gesamter Körper großzügig ausgestattet ist. In 10 Jahren, davon ist er überzeugt, könne man viele Krankheiten anhand von reagierenden oder nicht-reagierenden Rezeptoren und Signalstoffen diagnostizieren. Ein paar Notizen, die ich mir aufschrieb (einiges davon gab’s bereits hier im Blog zu lesen, rechts im Suchfeld einfach beispielsweise mit dem Stichwort ‚Hanns Hatt‘ suchen):

  • Jede Krebsart stellt ihre eigenen Riechrezeptoren in riesigen Mengen her.
  • Haarwurzelzellen sind mit Riechrezeptoren ausgestattet, diese könnten eines Tages mit „duftenden“ Haarwässern zum Haarwachstum angeregt werden.
  • Riechstörungen beginnen im Darm, der Dopaminhaushalt ist dafür verantwortlich (ein Grund mehr, auf unseren Darm aufzupassen und ihm nicht synthetische Aromastoffe zu füttern).
  • Riechrezeptoren binden irreversibel, Riechstoffe werden ins Innere der Zelle resorbiert, der Rezeptor wird recycelt.
  • Ein erstaunlicher Teil unserer genetischen Ausstattung ist für das Riechen reserviert, genauer gesagt 2 Prozent des Genoms.
  • Wir besitzen 370 unterschiedliche Riechrezeptoren, bei nur 10 Prozent von diesen ist der aktivierende Riechstoff bekannt.
  • 5HT3-Rezeptoren regulieren Übelkeit und reagieren hervorragend auf Ingwer-Riechstoffe, so dass man sie statt Paspertin-Tropfen geben kann.
  • Der Geruch von Angst (Angstschweiß) löst Empathie aus.
  • Der Duftstoff Hedion interagiert mit dem menschlichen Pheromon-Rezeptor V1R (im Riechepithel), er stimuliert ein spezifisches Kerngebiet im Hypothalamus, bei Frauen zehn Mal mehr als bei Männern; Hedion erhöht signifikant das Vertrauen (Reziprozität) und führt möglicherweise zur Ausschüttung vom „Vertrauenshormon“ Oxytocin.
  • Das Vaginalsekret enthält 15 Riechstoffe.
  • Sandalore (ein synthetischer Sandelholzduft) hemmt die bösartigen Zellen vom Blasenkarzinom, so könnte eine Früherkennung mittels ausgeschiedener Blasenkrebsrezeptoren im Urin erfolgen (liquid biopsy).
  • Der Rezeptor OR2B6 befindet sich nur im Blut von Menschen mit Mamma-Karzinom (Brustkrebs).
  • Adrenalin sieht (in seiner Molekularstruktur) fast wie viele Riechstoffe aus.
  • Eine wissenschaftlich getestete blumige Duftmischung ist das „olfaktorische Äquivalent“ zu (schlank machenden) Längsstreifen in der Kleidung.
  • Frauen, die nach Pampelmusen duften, erscheinen bis zu sechs Jahre jünger als sie sind!

Ich habe diesen engagierten Wissenschaftler nun bereits auf zahlreichen Konferenzen erleben dürfen und habe wirklich jedes Mal vieles dazu lernen dürfen!

‚Liquid biopsy‘ und Riechstifte zur Früherkennung

Conny Mögel, Inge-Lore Andres, Dr. Johannes Frasnelli, Manuela Euringer (v.l.n.r.)

Genau so unterhaltsam war der spannende Vortrag des Südtiroler Wissenschaftlers, der seit Jahren in Kanada tätig ist: Prof. Dr. Johannes Frasnelli. Er erläuterte auf hervorragend verständliche Weise, wie bei manchen neurodegenerativen Erkrankungen, wie beispielsweise der Parkinson- oder der Alzheimer-Erkrankung, sehr zeitige Störungen des Geruchssinnes auftreten, diese treten also lange vor den offensichtlicheren Symptomen auf. Damit entstand die Möglichkeit, mit Hilfe von Riechtests die Früherkennung dieser Krankheiten zu ermöglichen (ich schrieb vor 10 Jahren über erste Erkenntnisse, inzwischen sind diese Tests stark weiter entwickelt worden – ein Beispiel sind die in Deutschland hergestellten Sniffin‘ Sticks).

Zahlreiche weitere ReferentInnen sorgten für ein Füllhorn an altem um neuen Wissen, so lernten wir von Conny Mögel sehr praktische Tipps zur Begleitung von demenziell veränderten Menschen, Maria Kettenring schilderte so lecker-anregend wie immer, dass „Glück kann man essen – Aroma-Vitalküche Nahrung für Körper und Geist“, Michaela Euringer plädierte mit ihren Ideen für schmerzlindernde Maßnahmen für mehr Herz in der Pflege, die ätherischen Öle sind der Schlüssel dazu.

Zirbenduft in Schokolade und in der Luft

Biologin Sigrid Thaler-Rizolli „sang“ geradezu Liebeshymnen auf die Zirbe (Pinus cembra), sie hat das Buch Die Zirbe geschrieben, zudem standen von diesem bezaubernden Nadelbaum mehrere prächtige Exemplare auf der Bühne. Armin Untersteiner ist Südtirols ‚bean to bar‘ Schokoladenpionier, er machte uns mit den erstaunlichen Duftnoten von Edelkakaos vertraut, wir durften nach seinem spannenden Vortrag daran riechen und naschen. Doris Karadar hatte im Vorfeld des Kongresses Rosenschokolade, Zirbenschokolade sowie Hanfschokolade aus dieser Produktion für alle zum Probieren vorbereitet. Ist Ihnen bewusst, dass über 600 unterschiedliche aromabildende Stoffe in Edelkakaos identifiziert werden konnten? Und dass Edelkakao rein gar nichts mit dem an der Börse gehandelten Kakao zu tun hat, sein Anteil daran jedoch nur 5 Prozent ausmacht? (Kakao-Handel ist größtenteils ein schmutziges und ausbeuterisches Geschäft, unser großer Schokoladenkonsum trägt leider zum Reichtum von einigen Wenigen und zur Sklaverei von Vielen – auch Kindern – bei, eine beklemmende Dokumentation dazu kann in The Dark Side of Chocolate angeschaut werden)

Sabrina Herber und Doris Karadar vor dem duftenden Stand mit unzähligen hochwertigen Düften und Pflegeprodukten

Sabrina Herber stellte das aromaMAMA-Projekt vor. Es entstand aus dem Entsetzen heraus, dass immer mehr gefährliche Aroma-Rezepturen für Kinder weltweit veröffentlicht und angewendet werden. Unverdünntes Zimtrindenöl auf kleine Schienbeine oder andere Körperstellen mit Wachstumsschmerzen, auch Wintergrün bei Schmerzen (Kinder unter 14 Jahren können Salicylate, davon bildet eines den überwiegenden Inhaltsstoff dieses Öles, nicht oder nur unvollständig verstoffwechseln, das lernt jeder angehende Arzt, jede zukünftige Apothekerin und auch jede werdende Heilpraktikerin rechtzeitig in der Ausbildung). Täglich oral eingeflößtes Oreganoöl gehört auch zu einigen hoch fragwürdigen Negativ-Beispielen. Mit den anschaulichen aromaMAMA-Produkten (Magazin, Plakate, Rezeptkarten, Website, Facebook-Gruppe, Instagram, Pinterest) soll mehr Bewusstsein für einen nachhaltigen und respektvollen Umgang mit den knapper werden Ressourcen der Natur und mit der Gesundheit der nächsten Generation geschaffen werden.