Einst, wirklich in grauer Vorzeit, als der Euro noch in weiter Ferne war und ich an echten Setzkästen mit Bleibarren Zeitschriftenartikel setzte, musste ich auch Vorlesungen in Marketing belegen, um mein angestrebtes Ziel, Diplom-Designerin zu werden, zu erreichen.
„Design oder nicht sein“ hat sich tief in mein Bewusstsein gegraben, ich liebe ästhetische Dinge. Schönheit in der Natur wie auch beim Buchdruck und besonders in der täglichen Sprache gehört definitiv zu meinen Grundbedürfnissen. Ich leide buchstäblich körperlich an Sprachverwirrungen, beispielsweise bekomme ich sogar nun beim momentanen Schreiben eine leichte Gänsehaut, wenn ich an einen der dauernden Sprachfehler vieler deutscher Zeitgenoss:innen denke, die immer das Wörtchen „scheinbar“ benutzen, wenn sie jedoch „anscheinend“ meinen.
Auch wenn Bloggerinnen berichten, wie sie ihre Vasen mit „Ästen“ schmücken wird mir ganz anders. Sie meinen Zweige, denn einen Ast würde eine haushaltübliche Vase wohl kaum halten können! Falsch eingesetzte Begriffe aus dem Englischen wie „Homepage“ lösen auch auch ein Schaudern aus (zum Glück immer nur kurz, dennoch deutlich spürbar), denn diese bezeichnet NUR die erste Seite, sozusagen das Schaufenster einer Internetpräsenz. Wenn wie genau hier diese Internetseite aus über 1000 Artikeln, die „hinter“ der Homepage nachzulesen sind, besteht, ist das geradezu eine Beleidigung.
Für meine Marketing-Vorlesungen war einer der Klassiker von Vance Packard „Die geheimen Verführer – Der Griff nach dem Unterbewussten in jedermann “ zu lesen. Dem us-amerikanischen Konsumkritiker Packard (1914–1996) gelang damit seit dem Erscheinen 1957 ein internationaler Bestseller. Er kritisiert das bereits damals stets präsente Bombardieren und Überreden von Noch-Nicht- Konsumenten zu Kaufentscheidungen, die nichts mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen und schon mal gar nichts mit der Qualität der angebotenen Produkte zu tun hatten. Wie viel extremer ist diese Gehirnwäsche geworden!

Insbesondere in unserer einst eher stillen Branche rund um die ätherischen Öle ist dies ein nerviges bis gefährliches Thema geworden. Denn es geht nicht nur um oberflächlichen Konsum, sondern um Anwendungen, die gut für die Gesundheit und das Wohlbefinden gehen sollten. Leider wird am Thema vorbeigeschossen und mit grenzenloser Naivität, oft gepaart mit finanzieller Gier, und potenzielle Kund:innen – teils mit psychologischem Druck – zum Kauf von überteuerten Produkten „belabert“.
Ich wurde damals sehr sensibilisiert, ich kam sogar bereits aus einem Gymnasium, in dem allergrößter Wert auf vergleichendes und kritisches Denken gelegt wurde. In der Oberstufe wurde das Stichwort „Transferleistung“ raus und runter gebetet. Wir mussten in fast jedem Fach und in jedem Aufsatz der den Tellerrand schauen, Tatsachen vergleichen, Fakten einordnen und alles mehr oder weniger relativ betrachten. Es war ein wirklich wertvolles „Querdenken“, das wir mit auf den Lebensweg bekamen. Ich bin so dankbar, dass ich mir diese Fähigkeit, alles Mögliche außerhalb von engen Rahmen wahrnehmen zu können, bewahren konnte.
Seit wenigen Jahren mit einer perfide von Regierungen und Journalisten durchgeführten Massenmanipulation wird dieser Begriff des „Querdenkens“ als Kampfbegriff verwendet. Insbesondere um Menschen, die Dinge hinterfragen und in unterschiedlichen Winkeln beleuchten, geradezu mundtot zu machen. Ich bedaure das sehr.
Diese Schulung in jungen Jahren wurde noch vertieft durch mein Interesse an Religionen und Sekten, so wurde ich für einige Zeit zur Sprecherin und Sektenbeauftragten des Gymnasiums. Damals war „Children of God“ ein Thema, zu viele Jugendliche waren in die Fänge dieser und anderer Sekten geraten. Ich wollte immer wissen, was treibt Menschen in solche engen Systeme, ich war sogar so interessiert und engagiert, dass ich kurz nach dem Abitur nach Utah reiste, um mir das Leben, die Ansichten, den Tempel und vieles mehr rund um die Mormonen genauer anschaute. Nicht ahnend, dass ich heutzutage fast jede Woche Anfragen von Menschen erhalte, die die angeblich weltbesten Nicht-Bio-Öle aufgeschwätzt bekommen. Die verunsichert sind und meine Einschätzung möchten. Manchmal erfahre ich von herzzerreißenden Begegnungen und finanziellen Nöten, die in diesem Zusammenhang entstanden sind.
So wurde ich im jungen Leben (mindestens) dreifach gut vorbereitet auf das Leben in einem Meer von kragenartigem Marketing, wo einem jede Sekunde Zeug angedreht werden soll, ob ich es brauche oder nicht. Es war und ist ein hartes Training, mich bei jedem Einkauf, bei jeder Bestellung zu fragen: „Brauche ich dieses Produkt wirklich“. Okay, ich genehmige mir ab und zu auch völlig nutzlose Dinge, einfach weil ich Lust drauf habe, wie den Schlüsselanhänger, der so entzückend aussieht, doch in der Regel bin ich eine sehr kritische Konsumentin, der nicht zuletzt meine Gesundheit extrem am Herzen liegt. Ich WILL NICHT mit giftbeladenen Produkte umgeben werden, ich will einfach keine Agrargifte auf meiner Haut haben und sie schon gar nicht essen!

Eine der Devisen ist es, möglichst wenige Produkte von Marken zu kaufen, die im Fernsehen, in Zeitschriftenwerbung oder gar auf Instagram & Co beworben werden. Inzwischen nicht nur gelegentlich, sondern eher mehrmals täglich. Ganz nach Vance Packard: Das Zeug wird durch diese ständige Präsenz kein bisschen besser oder wertiger. Im Gegenteil, das ZEUG wird in den allermeisten Fällen minderwertiger. Nahrungsmittel bestehen aus immer minderwertigeren Zutaten, werden übersüßt, verwässert, mit billigen Pflanzenölen versetzt und mit Labor-Aromen aufgehübscht. Nicht zu reden von den Konservierungsstoffen, die unsere Bakterien genau so schädigen wie sie das jeweilige Produkt länger „frisch“, also durch die Antibiotika-ähnliche Wirkung möglichst keimfrei bis keimarm halten.
Marken werden mit enormem finanziellen Aufwand entwickelt. Marken beschäftigen Texter, Agenturen und Marketingexperten. Marken müssen eingeführt werden und dann mit viel Aufwand präsent bleiben. Hinter einer Marke steht ein riesiges Marketing-Gefüge, das ein Laie nicht ahnen kann. Mir wurde es im Studium beigebracht, doch bereits bei einem meiner ersten Jobs wendete ich mich angewidert ab. Denn eigentlich hatte ich etwas mit Zeichnen, Malen, Kunst und Schönheit studieren wollen!
Wer macht sich über Marken und unserem Leben überhaupt Gedanken? Offensichtlich kaum jemand, denn sonst würden diese Marken nicht florieren. Sie werden gekauft und stärken vielleicht sogar das Selbstbewusstsein der Käufer:innen. Stärkung durch „Schall und Rauch“, durch laute Sprüche, bunte Farben und letztendlich hohle Versprechungen! Mutmaßlich wissen nur die eher bewusst lebenden und denkenden Menschen darum, das sind nach unterschiedlichen Schätzungen nur gut 15 Prozent der Bevölkerung.
Wir könnten als Konsument:innen soooo viel bewirken, soooo viel zum Guten wenden, wenn wir nur bewusster mit unserem Essen, auch mit unserer Kosmetik und unserer Kleidung umgehen würden. Wenn nur die Hälfte der potenziellen Käufer:innen Produkte/Marken von unethisch agierenden Firmen deren Zeug boykottieren würden, stattdessen lokale kleine Familienunternehmen unterstützen würden, wäre unser Planet sicher in einem besseren Zustand. Doch man ist geneigt zu denken: „Ach wenn nur ich auf „Produkt xy“ verzichte kann ich nichts bewirken“.
Doch das stimmt nicht. Wir könnten zusammen viel mehr bewirken, als es die oft müden 15 % der eher konsumkritisch eingestellten schon bewirken. Aber okay, ich bleibe die „einsame Schreierin und Schreiberin im Wald“. In einer uns immer mehr überwältigenden Welt, in unserer knappen Zeit zum Nachdenken und Spüren, scheint Konsumrausch eine prima Medizin zu sein. Bis zur schweren chronischen Krankheit, bis zum Überquellen des Kleiderschranks und des Schuhregals, nicht zu vergessen der übervollen „Gelben Säcke“ mit angeblich wiederzuverwertendem Müll.
Das waren meine Gedanken beim Warten auf die Lieferung meiner Biokiste, ich freue mich drauf, ich habe ein gutes Gefühl, dass ich mindestens eine Familie in nicht allzweiter Ferne durch diesen Kauf unterstütze. Dazu bin ich dankbar für eine Verführung weniger, denn wenn ich in einen „normalen“ Supermarkt gehe, komme ich immer mit mehr Zeug heim, als geplant war, trotz meiner Einkaufsliste. Ja, auch mir fehlt oft genug die Disziplin, doch insgesamt bin und bleibe ich auf dem kritischen Kurs, den Vance Packard bereits einige Jahre vor meiner Geburt beschrieb.
Abbildung: Foto von Bernard Hermant auf Unsplash

