Sie sind alt. Geradezu uralt. Etwas abgewetzt, fleckig und altmodisch. Doch noch völlig funktional. Insbesondere das immer noch sehr scharfe Brotmesser, vor dem immer gewarnt werden muss, wenn andere Menschen ein zu knusprig geratenes Brot schneiden möchten.
Ich erinnere mich gut, wie ich in Studentinnen-Zeiten regelmäßig zum nahegelegenen Schweden radelte, dort nahm ich gerne mein Mittagessen ein und klar: Leer geht niemand aus diesem Laden raus, schließlich war eine etwas verkommene Studentinnenwohnung, die ich mit meiner Freundin Ullie teilte, gemütlich auszustatten.
Es waren also die Jahre 1979 bis 1984 zwischen Mainz und Wiesbaden, damals kaufte ich drei dieser Gegenstände beim blau-gelben Einrichter in Wallau. Genau die Deutschlandzentrale, die 1984 lichterloh runterbrannte und einen Sachschaden von circa 70 Millionen D-Mark verursachte.
Ob mein Lieblingsmesser wohl von Zwangsarbeitern in der DDR hergestellt worden war? Viele Jahre später nach meinem Kauf wurde in Stasiakten gefunden, dass 1984 bei Ikea mehrere Drohbriefe eingegangen waren, in denen die Produktion von Ikea-Möbeln – darunter war das beliebte Sofa Klippan – von Gefangenen angeprangert wurde.

Wie der Politologe Steffen Alisch vom Forschungsverbund SED-Staat 2012 dazu dazu sagte: „Ikea ist belogen worden“. Die von Ikea geforderte Besichtigung von Produktionsstätten wurde laut den Stasi-Papieren nicht genehmigt. Wie viele politische Häftlinge für Ikea zu malochen hatten, war nicht mehr zu ermitteln. Der Politologe bestätigt jedoch: „Egal welchen Haftgrund es gab, es musste unter schlechtesten Bedingungen Zwangsarbeit geleistet werden.“ Als Täter des verheerenden Feuers, das mir damals ein Stück „Heimat“ nahm und die leckeren Bestandteile der Salattheke vernichtete, galt ein „frustrierter Mitarbeiter“, ob er etwas von diesen skandalösen Bedingungen wusste, ist nicht bekannt. (Quelle: Tagesspiegel 4. Mai 2012)
Meine olle alte Zitruspresse hat wunderbar eckige Kanten, mit der können auch störrischste Grapefruits bequem zu Saft verarbeitet werden. Wie der Wellenschliff dieses Messers bis heute noch so scharf ist, widerspricht jeden physikalischen Hausfrauen-Erkenntnissen, denn ich habe es nie schärfen lassen.
Die gläserne Butterdose hat jede Turbulenz, zahlreiche Gäste, auch zwei aktive Buben samt besuchenden Freunden, überlebt. Von dem „japanischen Teeservice“ fehlt allerdings jede Spur der bauchigen Teekanne, doch die vier Becher tun auch heute noch ihren Dienst. Dieses Set erstand ich seinerzeit in einem der zahlreichen geradezu aus dem Boden sprießenden Teelädchen rund um Mainz, Wiesbaden und Frankfurt. Ebenso entstanden sehr viele Woll-Läden, ich habe noch Garnreste von damals!
Diese alten Gegenstände, die heute noch täglich in Gebrauch sind, sind ein gutes Beispiel für die kurze Zeit später eingeführte neue „Regel“ in der weltweiten Wirtschaft: Die „geplante Obsoleszenz“ wurde zum goldenen Standard der Produktion. Dies bedeutet, dass seitdem viele Alltagsgegenstände viel schneller kaputt gehen als noch vor 40-50 Jahren. Teilweise erschreckend schnell, nach wenigen Monaten oder gar nur wenigen Wochen. Das liegt oft daran, dass sie absichtlich so gebaut werden, damit sie nicht lange halten. Unternehmen verdienen dadurch mehr Geld, weil Menschen häufiger neue Produkte kaufen müssen. Für Verbraucher:innen und insbesondere für die Umwelt ist das ein schwerwiegendes Thema, weil es mehr Kosten und extrem viel völlig unnötigen Müll verursacht.
Wären die meisten Gebrauchsgegenstände so robust und effektiv wie mein Brotmesser, und nicht kurzlebigen Moden unterlegen, wären unsere weltweiten Müllberge vielleicht deutlich kleiner. Aber die entsprechenden Hersteller würden deutlich weniger Umsatz machen.
Damals lebten wir doch gut, oder? Mussten wir uns einschränken? Im Gegenteil, ich musste nie mehr einem guten Schneidewerkzeug hinterher jagen, ich kam auch noch nie auf die Idee, das ich mein Brotmesser ersetzen müsste, nur weil sein Design nicht der letzten Mode entspricht, nur weil es etwas fleckig und zerkratzt ist.

