Ein Forschungsteam unter der Leitung von Pharmazieprofessor Lorenz Meinel von der Universität Würzburg hat eine innovative Methode zur schnellen, einfachen und kostengünstigen Diagnose von Grippeinfektionen entwickelt. Die neuartige Technik, die am 1. Oktober 2025 im Fachjournal ACS Central Science vorgestellt wurde, beruht darauf, dass Influenzaviren im Speichel mithilfe eines speziellen Kaugummis oder Lutschers erkannt werden können. Das System macht sich die menschliche Geschmackswahrnehmung zunutze: Im Speichel infizierter Personen wird ein eindeutig erkennbarer Geschmacksstoff (an Thymian erinnernd) freigesetzt, wohingegen im Mund gesunder Nutzer keine Geschmacksveränderung erfolgt.​

Der Grundbaustein dieses Diagnosetools ist das Sensormolekül Thymol, ein natürlicher Bestandteil des Thymians, kombiniert mit einem für Grippeviren spezifischen Zuckerbaustein. Kommt der Test mit aktiven Grippeviren in Kontakt, so wird Thymol freigesetzt und signalisiert so eine Infektion durch den veränderten Geschmack. Laut Professor Meinel bietet dieser Ansatz enorme Vorteile: Die Diagnostik wird damit erstmals unabhängig vom Labor, medizinischem Personal oder technischen Geräten verfügbar – ein beträchtlicher Fortschritt, gerade für ärmere Regionen der Welt.​

Das neue System lässt sich flexibel an unterschiedliche Pathogene und Nutzergruppen anpassen, indem sowohl der Geschmacksträger als auch der diagnostische Baustein variiert werden können. Denkbar ist etwa eine kindgerechte Anwendung mit süßem Geschmack oder die Adaption des Systems zur Erkennung anderer Infektionen, indem der Zuckerbaustein durch ein bakterienspezifisches Peptid ersetzt wird.​

Das Forschungsteam arbeitet nun daran, die Sensorik in Kaugummis oder Lollipops zu integrieren und eine massentaugliche Produktion zu ermöglichen. Unterstützt wird das Projekt vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen des Verbundprojekts „Influ Kau“. Partner sind unter anderem die im Jahr 2024 gegründete FlareOn Biotech GmbH sowie Forscherteams rund um Professor Christian Linz (Universitätsklinikum Würzburg, inzwischen Universitätsklinikum Köln) und Professor Stephan Hackenberg (Universitätsklinikum Würzburg), die die klinischen Proben und Untersuchungen bei Patienten ermöglichten. Professor Jürgen Seibel (Institut für Organische Chemie, Uni Würzburg) und sein Doktorand Marcel Groß waren für die Synthese des Sensormoleküls verantwortlich, während Professor Carlos A. Guzmán (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig HZI) gemeinsam mit Dr. Peggy Riese und Dr. Stephanie Trittel Experimente mit Influenza-Viruspartikeln durchführte.​

Langfristig planen die Forschenden, positive Testergebnisse künftig freiwillig über eine Smartphone-App zu erfassen. So ließe sich die Verbreitung von Influenzaviren in Echtzeit nachverfolgen und epidemische Entwicklungen frühzeitig erkennen – mit einer möglichen Integration künstlicher Intelligenz zur Risikoprognose für Gesundheitsbehörden und Einzelpersonen.​

Quelle: Pressemitteilung der Universität Würzburg, die Original-Studie dazu: A Viral Neuraminidase-Specific Sensor for Taste-Based Detection of Influenza

Mehr über die unterschiedlichen Thymianöle und über eine Studie über die zunehmenden Infektionen mit dem „neuen“ gefährlichen Pilz Candidozyma auris ist in meinem kürzlich geschrieben Artikel Candida auris: Der unsichtbare Feind im Krankenhaus und sein Gegner Thymian nachzulesen. Über die Eigenschaften von (isoliertem) Thymol kann in dieser Studie nachgelesen werden.