Wie erkennen wir gute ätherische Öle und verantwortungsvolle BehandlerInnen?

Eine gute Definition von „Aromatherapie“ lautet: „Aromatherapie wird definiert als die kontrollierte Anwendung von ätherischen Ölen, um die eigene und die Gesundheit anderer zu erhalten und Körper, Geist und Seele auf eine positive Art zu beeinflussen.“ (Shirley Price)

Wenn wir uns die vermeintlich risikoreiche Seite bei der Anwendung der ätherischen Öle betrachten, gilt es nicht nur, die „Gefährlichen“ anzuschauen, sondern uns mit Biochemie der Öle, Qualitätskriterien, Anwendungsformen und vor allem mit den Dosierungen zu beschäftigen. Dadurch, dass die Aromatherapie zu einer Modeerscheinung wurde, schießen Firmen, die ätherische Öle verkaufen, immer noch wie Pilze aus dem Boden. Jeder darf die Öle ungeachtet seiner Qualifizierung abfüllen und vertreiben. Er kann sie sehr preiswert literweise bei Großhändlern beziehen und muss sich auf deren — teilweise sehr oberflächliche — Qualitätsversprechungen verlassen. Oft ist es dem Händler gleichgültig, ob der Inhalt seiner Lieferungen den aufgedruckten Informationen entspricht, der überaus wichtige Kontakt zu den produzierenden Bauern wird in der Regel nicht gepflegt.

Weiß der Großhändler, dass „Sandelholz westindisch“ nichts mit dem heilkräftigen Santalum album aus Mysore zu tun hat? Ist ihm bekannt, dass die sogenannte indische Melisse ein Gras (Cymbopogon citratus) ist und über andere Eigenschaften verfügt als die Echte Melisse? Kennt er den Unterschied zwischen einem Rosen-Absolue und einem destillierten Rosenöl? Sagen ihm die Zahlen und Begriffe hinter dem Wort Ylang Ylang etwas? Diese Informationen bleiben dann auch sämtlichen Zwischenhändlern und damit natürlich erst recht dem EndverbraucherIn verborgen. Die andere Seite der „Aromatherapie-Mode“ sind die negativen oder übertriebenen Geschichten in der Presse: Durch Anwendungsfehler, aber auch durch qualitativ schlechte Öle entstehen Beschwerden, die bisweilen sogar von Ärzten behandelt werden müssen. Gesundheitsbehörden denken darüber nach, ob die ätherischen Öle nicht apothekenpflichtig oder gar rezeptpflichtig werden müßten (siehe Kapitel Von der Flasche unter die Haut). Wenn man die Öle zur Pflege, Vorsorge und zur Wiedererlangung der Gesundheit anwenden möchte, sollte man immer auf vertrauenswürdige Firmen zurückgreifen. Doch selbst, wenn „nur“ ihr Einsatz in der Duftlampe gewünscht wird, sollte man nicht zu minderwertiger Ware greifen, da unser aller Immunsystem schon genug zu tun hat mit der Bekämpfung und Verarbeitung naturfremder Substanzen. Denn bereits bei der Raumbeduftung können wir uns diesbezüglich Gutes tun.

Auch wenn beim Verkauf von ätherischen Ölen die Beratung oftmals fehlt, wir haben ja unsere Nase, die auch relativ ungeübt vor schlechter Qualität warnen kann und die uns vor allem vor den eventuell kritischen Ölen schützt: sie duften oft gar nicht lieblich oder wehren ihre Anwendung durch geradezu stechenden Geruch ab. Auch kann ein Öl heute noch gut riechen, morgen lehnen wir es ab. Solchen Impulsen sollten wir unbedingt folgen. Bei etwas Feinfühligkeit von seiten der AnwenderInnen ergibt sich also sowohl die Auswahl als auch die Dosierung von selbst.

Genuin und authentisch

Im Land der medizinisch orientierten Aromatherapie Frankreich wurde Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts das Siegel H.E.B.B.D. (Huile Essentielle Botaniquement et Biochimiquement Définie) etabliert, das genuine und authentische Öle auszeichnet. Es sollten also für den klinischen Einsatz nur Öle verwendet werden, die absolut unverändert sind und zudem von einer definierten Pflanzenart stammen, denn nur sie garantieren gute Verträglichkeit durch ein von der Natur „komponiertes“ Zusammenspiel vielfältiger Inhaltsstoffe. Ganz anders ist die Betrachtungsweise aus Sicht der jeweils herrschenden Arzneibücher (in Deutschland DAB): Es werden nur ätherische Öle beschrieben und zum medizinischen Einsatz befürwortet, die bestimmten Standards entsprechen und die gegebenenfalls auch mit synthetischen Stoffen versehen sind.
Diese Kennzeichnung von ätherischen Ölen hat sich bislang nicht im deutschsprachigen Bereich durchgesetzt.

Sicherheitsvorkehrungen

Um die Patienten (und natürlich auch die BehandlerInnen) zu schützen, stellte Robert Tisserand vor circa 25 Jahren in Großbritannien folgende Liste für die International Federation of Aromatherapists  zusammen. Deren Mitglieder, praktizierende AromatherapeutenInnen, verpflichten sich, keines dieser Öle zu verwenden. Folgende Öle können Vergiftungen oder Hautreizungen verursachen:

Alant, Inula helenium/Beifuß, Artemisia vulgaris/Bittermandel, Prunus amygdalis var. amara/Bohnenkraut, Satureja hortensis und montana/Boldus, Peumus boldus/Cassiazimt, Cinnamomum cassia/Costus, Saussurea lappa/Eberraute, Artemisia abrotanum/Fenchel bitter, Foeniculum vulgare var. amara/Floh-/Poleiminze, Mentha pulegium/Gewürznelke, Eugenia caryophyllata/Jaborandi, Pilocarpus jaborandi/Kalmus, Acorus calamus/Kampfer gelb/braun, Cinnamomum camphora/Meerettich, (Cochlearia) Armoracia/Oregano (wilder/spanischer), Origanum vulgare/Poleiminze (americ.), Hedeoma pulegium/Rainfarn, Tanacetum vulgare/Sadebaum, Juniperus sabina/Sassafras, Sassafras albidum/Sassafras, brasil., Ocotea cymbarum/Senf, schwarzer, Brassica nigra/Thuja (Lebensbaum), Thuja occidentalis/plicata/Weinraute, Ruta graveolens/Wermut, Artemisia absinthum/Wintergrün, Gaultheria procumbens/Wurmsamen, Chenopodium anthelminticum/Zimtrinde, Cinnamomum zeylanicum/Zwergkiefer, Pinus pumilio

Mittlerweile erscheinen diese Empfehlungen wesentlich ausführlicher und differenzierter in dem umfangreichen Buch (das Tisserand zusammen mit dem Biologe Tony Balacs geschrieben hat): „Essential Oil Safety“ (Churchill Livingstone 1995). In Frankreich sind etliche Öle nur auf Rezept in der Apotheke erhältlich, z.B. Wermut (Artemisia absinthum), Ysop (Hyssopus officinalis), Atlas-Zeder (Cedrus atlantica), Salbei (Salvia officinalis), Rainfarn (Tanacetum vulgare) und Thuja (Thuja occidentalis). Die Verbraucher sollen vor allem vor der neurotoxischen und abortiven Wirkung von bestimmten Ketonen geschützt werden.

Besser als in irgendeiner Liste nachzuschlagen ist natürlich, die einzelnen Inhaltsstoffe der ätherischen Öle zu kennen und zu wissen, wie sie aufgrund ihrer biochemische Zusammensetzung wirken können. Um sich auf die Wirkungen der ätherischen Öle verlassen zu können, ist es wichtig, für medizinische oder pflegende Zwecke nur Öle bester Qualität und Herkunft zu verwenden. Selbst Flaschen mit der Bezeichnung „natürliches ätherisches Öl“ können mangelhafte Ware enthalten, da es sich um ein nicht nachvollziehbares Gemisch aus natürlichen Bestandteilen handeln kann. Auch sind natürliche Öle, die für die Parfumindustrie gewonnen wurden, nicht unbedingt für die therapeutische Arbeit geeignet, da hier weder auf schonende und ungiftige Anbaumethoden geachtet werden muss, noch handelt es sich hier zwangsläufig um schonende und komplette Destillationen, wie anhand von Ylang Ylang nachvollzogen werden kann.

Wirklich qualifizierte BehandlerInnen sucht man sich in Deuschland noch immer über Empfehlungen, da dieser Beruf hier noch nicht stattlich anerkannt ist und die Angehörigen nicht in einem Verband organisiert sind. In England sorgt der jeweilige Berufsverband (z.B. IFA) sowohl für Standards in der Ausbildung der Mitglieder, auch bei den geforderten Fortbildungen ferner für Versicherungen, geeignete Räumlichkeiten, ethisches Verhalten der Aromatherapeuten etc.