Ätherische Öle für Senioren

Es kommen immer wieder AltenpflegerInnen in meine Ausbildungskurse, die wissen möchten, ob und wie sie ätherische zur Förderung des Wohlbefindens von älteren Menschen einsetzen können.

Natürlich profitiert diese Altersgruppe – genau wie jede andere – auch von den beruhigenden, ausgleichenden, schlaffördernden, hautpflegende und vielen anderen Wirkungen der ätherischen Öle. Es gelten die gleichen möglichen Vorsichtshinweise und zu bedenken ist auch, dass die Haut von älteren Menschen zunehmend dünner wird, so dass die Dosierung eher der von Säuglingen entsprechen sollte. Je älter und kränker und/oder seniler eine Mensch ist, desto mehr gilt alles, was in Bezug auf die Babypflege mit ätherischen Ölen gesagt wird: weniger ist mehr.

Ältere Menschen (und auch Kinder) leiden oft besonders unter der Unterbrechung ihrer Alltagsroutine und ihrer Lebensgewohnheiten, wenn sie ins Krankenhaus oder gar ins Pflegeheim müssen. Zudem bedeutet ein Unfall, eine Operation oder eine plötzliche Erkrankung für jeden Menschen eine starke psychische Belastung, auf die er dann mit Schlaflosigkeit oder anderen vegetativen Beschwerden reagiert. Hier kann im Rahmen der Aromapflege sehr gut geholfen werden, wie fast alle Pflegenden, mit denen ich sprach, immer wieder bestätigen können. Gleichzeitig kann der erfolgreiche Einsatz der ätherischen Öle eine Entlastung für die Pflegenden sein, da die PatientInnen weniger klingeln, weniger umher wandern und oft auch weniger Medikation benötigen.

Es gibt etliche schöne Studien, die eine erfolgreiche Behandlung mit ätherischen Ölen versprechen, hier einige Beispiele von häufigen Beschwerden in der älteren Bevölkerungsgruppe:

Lavendelöl | In einer Schlaf-Studie an gesunden Senioren, die jedoch Schlafmittel nahmen, wurden zwei Wochen lang deren Schlafstunden gemessen. Zwei Wochen nach Absetzen ihrer Medikation zeigte sich, dass ihre Schlafdauer deutlich verringert war. Anschließend führte man zwei Wochen eine Raumbeduftung (durch Lüftung) mit Lavendelöl durch und die Schlafdauer kam auf das gleiche Niveau wie nach Verabreichung eines Schlafmittels. [Hardy M, Kirk-Smith M, Strech D: Replacement of drug treatment for insomnia by ambient odour. Lancet 346:701· 1995]

In einer kleineren placebokontrollierten Studie an dementen geriatrischen Patienten wurde gezeigt, dass 60 Prozent der Teilnehmer durch eine Raumbeduftung mit Lavendelöl deutlich weniger unruhig als zuvor waren (Holmes & al. 2002).

Melissenöl | Im Jahr 2003 veröffentlichten Forscher der Northumbria University eine Meldung über den wissenschaftlichen Nachweis, dass ein Extrakt aus Zitronenmelisse (Melissa officinalis) stark anregend auf Geist und Wohlbefinden wirkt. Nach ersten wissenschaftlichen Tests der British Psychological Society könnte die Pflanze auch für Patienten, die an Demenz leiden, eingesetzt werden. Die Forscher konnten feststellen, dass die Pflanze die Aktivität des Botenstoffes Acetylcholin steigert. Dieses für Gedächtnisleistungen wichtige „Gehirnhormon“ wird bei Alzheimer-Patienten nur noch in geringen Mengen produziert. [Kennedy DO, Wake G, Savelev S, Tildesley NT, Perry EK, Wesnes KA, Scholey AB: Modulation of mood and cognitive performance following acute administration of single doses of Melissa officinalis (Lemon balm) with human CNS nicotinic and muscarinic receptor-binding properties. Neuropsychopharmacology. 2003 Oct;28(10):1871-81]

In einer placebokontrollierten Studie an 72 Menschen mit schwerer Demenz konnte nach vier Wochen des Auftragens von verdünntem Melissa officinalis-Öl auf Gesicht und Arme bei 60% der Patienten eine 30-ig-prozentige Verbesserung der Unruhezustände verzeichnet werden (Ballard & al. 2002).

Bei (älteren) Menschen mit Hirnleistungsstörungen haben ätherische Öle oft eine ganz erstaunliche Wirkung, oft kann man durch den Einsatz von Düften überhaupt erst wieder zu diesen Patienten vordringen. Das überrascht nicht allzu sehr, wenn man an die unmittelbare Wirkung der Öle auf das Limbische System denkt und daran, dass diese die Blut-Hirn-Schranke überwinden können [Buchbauer 2004]. Vor allem Öle, die 1,8-Cineol und Borneon enthalten, scheinen einen „durchschlagenden“ Effekt bei Morbus Alzheimer zu haben.

In einer Studie an acht freiwilligen Probanden – darunter einer Anosmikerin – konnte gezeigt werden, dass der zerebrale Blutfluss nach Inhalation von 1,8-Cineol signifikant erhöht war, ähnlich wie sich bei Tierexperimenten zeigte, dass die motorischen Zentren durch diesen Hauptinhaltsstoff von Rosmarinus officinalis und Eucalyptus globulus beeinflusst werden [Buchbauer 2003b].

Lavendelsalbeiöl | In mehreren Studien wurde heraus gefunden, dass das ätherische Öl von Salvia lavandulifolia im Gehirngewebe das Enzym Acetylcholinesterase unterdrückt, so dass es bei der Behandlung von Morbus Alzheimer begleitend eingesetzt werden kann. Die Wirkung des ätherischen Öles beruht auf dem gleichen Prinzip wie die modernen Medikamente, die im Alzheimer-PatientInnen verabreicht werden [Perry & al. 2003].

Rezeptideen und die ausführlichen Quellenhinweise befinden sich im Fachbuch „Aromatherapie für Pflege- und Heilberufe“, Haug Verlag, 6. Auflage 2018