Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Ratgeber-Bücher für ein besseres Gelingen ihres Alltags benötigen oder mögen. Doch wenn ich ein Buch dreimal von verschiedenen Menschen empfohlen bekomme und es dann auch noch ein viertes Mal bei einer Freundin liegen sehe, bin ich jemand, die sich fragt: Was will mir dieses Buch sagen?

Die neue Medizin der Emotionen‘ des französischen Psychiaters David Servan-Schreiber lag bereits seit einem Jahr bei mir, bevor ich mich also aufraffte, in den vermeintlichen Ratgeber hineinzuschauen. Doch dann konnte ich ihn nicht mehr weg legen und nun möchte ich mehr davon! Dieses sehr freundlich und persönlich geschriebene Sachbuch hat mich auf einen recht neuen Stand der Gehirn- und Emotionenforschung gebracht. Immer gut verständlich, meistens mit Referenzen zu entsprechenden wissenschaftlichen Studien und nie belehrend, dass es sich um der Weisheit letzten Schluss handele (wie in vielen Ratgeberbüchern).

David Servan-Schreiber beschreibt zunächst seinen Werdegang vom schulmedizinisch orientierten und an Psychopharmaka glaubenden Psychiater über den gründlichen Forscher an neuronalen Netzen an der renommierten us-amerikanischen Universität Pittsburgh bis zu einer alles verändernden Reise nach Dharamsala. Dort lernte er die für ihn wundersame tibetische Medizin kennen. Ihm wurde bewusst, dass die westlich orientierte Medizin kaum Antworten hat bei der Behandlung von chronischen Krankheiten, schon gar nicht bei Angstzuständen und Depressionen.

Studien besagen jedoch, dass hinter bis zu 75 Prozent aller Arztbesuche vor allem Stress steht und dass diese oft verkannte gefährliche Unordnung im körperlich-seelischen Gleichgewicht ein größeres Gesundheitsrisiko als das Rauchen darstellt.

Er beschreibt daraufhin unsere zwei doch recht unterschiedlichen Gehirne, die neuere Großhirnrinde (oder “Denkhirn”) und das uns weitestgehend steuernde aber unbekannte “Emotionale Gehirn” (das übrigens uns AromaspezialistInnen als Limbisches System/Riechhirn recht vertraut sein sollte). Dieses innere Gehirn besteht rein optisch betrachtet aus anderen neuronalen Vernetzungen als unser “Denkcomputer”. Diese “dunklen Ecken der Seele” kommunizieren pausenlos sowohl mit unserer Herztätigkeit als auch mit dem Geschehen im “Bauchhirn”: über das vegetative Nervensystem (Nervus sympathicus und Nervus parasympathicus).

Er schildert diese Vorgänge als “das Unbehagen in der Neurologie” und zitiert in diesem Zusammenhang Albert Einstein: “Wir sollten uns davor hüten, den Intellekt zu unserem Gott zu machen; Gewiss, er hat starke Muskeln, jedoch keine Persönlichkeit. Er darf nicht herrschen; nur dienen.

Eine höchst inspirierende und anschauliche Exkursion über den recht neuen Begriff der emotionalen Intelligenz (die eher zum Lebenserfolg führt als der überbewertete IQ) zeigt, wie und warum unsere beiden Gehirne fast nie miteinander zurecht kommen, warum es so schwer ist, das Chaos der Körperchemie zur Ordnung zu rufen, um damit möglichst oft “im Flow”, also im Glückszustand zu sein. Sevan-Schreiber erläutert eindringlich, dass wir unser emotionales Gehirn und vor allem unseren Parasympathicus regelrecht trainieren müssen, sonst atrophiert (verkümmert) er wie ein eingegipstes Bein.

Das geht nicht nur mit traditionellen Meditations- und Entspannungstechniken sondern auch mit ganz neu entdeckten Methoden und ist inzwischen wissenschaftlich mit modernen bildgebenden Verfahren gut belegt. Besonders faszinierte mich die Technik des EMDR (Eye movement desensitivation and reprocessing), mit deren Hilfe man in wenigen Sitzungen die oft lebenszerstörenden Folgen von großen und auch alltäglichen kleinen Traumata deutlich vermindern kann. Auf diese Weise “verdaut” das Gehirn ganz natürlich während des Schlafens. Der Autor hält diese Behandlungsmethode für extrem wichtig: “…ich konnte mich der Überlegung nicht erwehren, dass es gegen meine ethische Überzeugung verstieße, EMDR nicht zu erlernen… sich diesem Versuch zu verweigern wäre so gewesen, als hätte man sich bei der Einführung des Penicillins geweigert, es auszuprobieren…“.

Und so geht es das ganze Buch über weiter: innovativ, gut nachvollziehbar und spannend bis zur letzten Seite. Dieses Buch sollte den bekannten Buchtitel als Untertitel tragen: Vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer. Ich habe mir ganz viele anregende Stellen mit Leuchtstift markiert und schlage immer wieder nach bzw. lese bei den angebenen Studien im Internet weiter.

PS Ich werde von treuen LeserInnen immer wieder mal gefragt, ob und wie man mir für meine Arbeit des Blogschreibens danken könne. Da ich ein ganz großer Bücherwurm bin, freut es mich, wenn andere Leseratten eine sowieso anstehende Bücherbestellung bei Amazon über den Einstieg eines meiner Buchlinks tätigen (einfach auf die von mir fett geschriebenen Buchtitel klicken oder auf die Fotos der Cover klicken). Ich verdiene zwar nur zwischen 10 und ein paar Dutzend Cents pro vermitteltes Buch, doch so kommt jährlich ein kleines Taschengeld zusammen, mit dem ich mir einige besonders teure Bücher leisten kann 😉 Wenn ihr von meinem Link kommend eure ganz normale Bücher-, Musik- oder Staubsaugerbestellung tätigt, bekomme ich auch eine kleine Belohung. Ich danke an dieser Stelle allen, die ihr Bücherpaket bereits aufgrund meiner Empfehlung erworben haben!