Hat ein sehr großer Verlag ein unstrukturiertes Manuskript in einen noch unübersichtlicheren Wälzer mit lieblosem Layout gepackt, gelang es einem kleinen Verlag, den umfangreichen Text für die zweite Auflage zu sortieren, zu ergänzen, zu aktualisieren und auch auszumisten. Die Rede ist vom Fachbuch Aromatherapie in Wissenschaft und Praxis der Herausgeber Dr. Wolfgang Steflitsch (Facharzt für Lungenheilkunde in Wien), Dietmar Wolz (Bahnhof Apotheke Kempten) und Univ.-Prof. i. R. Mag. pharm Dr. Gerhard Buchbauer (Uni Wien), erschienen im Frühsommer 2013 und bereits hier in Teil 1 kurz von mir vorgestellt.

Eliane Zimmermann Schule für AromatherapieEines gleich vorweg: Es st ein ungewöhnlich umfassendes Werk, es ist ein Buch für Fortgeschrittene (oder ambitionierte EinsteigerInnen), und es ist sicherlich der vielseitigste Text zur Aromatherapie, den wir im deutschsprachigen Gebiet derzeit finden können (wenn wir vom etwas schlankeren Fachbuch von Dietrich Wabner und Christine Beier absehen). Wieder einmal muss ich sagen: Es gibt keine Entschuldigung mehr, wenn jemand behauptet, es gäbe keine seriösen wissenschaftlichen Grundlagen für die Arbeit mit ätherischen Ölen. Wer das noch behauptet oder gar in großen Publikumsmedien schreibt, dem gehört dieser 1,7kg schwere Wälzer um die Ohren gehauen. Blättern wir mal durch die 861 Seiten.

Teil A: Allgemeines zur Aromatherapie.
Anders als in der ersten Auflage, die durch eine unzusammenhängende Sammlung von Texten unterschiedlicher AutorInnen geprägt war, steigen wir in eine ordentlich formulierte Beleuchtung der Begriffsbestimmungen ein: Was sind Phytotherapie und Phytotherapeutika, was zeichnet ätherische Öle aus, warum können diese duftenden Mittel auch als Phytotherapeutika bezeichnet werden, wer darf in Deutschland, Österreich und in der Schweiz damit arbeiten. Dazu erfährt man in ein paar Abschnitten die Einordnung von Duftpflanzen in ihr botanisches Umfeld. Der Wirkmechanismus der ätherischen Öle wird erläutert, wir gewinnen einen Überblick über die Qualitätsansprüche und über ökonomische Aspekte. Auch wird ein heikles Thema diskutiert, nämlich dass immer wieder zu lesen ist (insbesondere in Internet-Texten), man könne einen Duft durch einen anderen ersetzen, beispielsweise Neroli durch Jasmin oder Ylang Ylang oder das ätherische Öl eines Mitglieds einer Pflanzenfamilie durch einen anderen Duft aus dieser Familie [etwa Pfefferminze durch Patchouli??!!]. Das erste Kapitel wird abgerundet durch eine kleine Reise ins menschliche Gehirn, genauer gesagt zu den vielfältigen anatomischen Strukturen, die mit der Verarbeitung von Geruchsempfindungen befasst sind.
Es folgt eine kurze Betrachtung von Gerhard Buchbauer* über wissenschaftliche Aspekte der Aromatherapie, leider wesentlich knapper als in der ersten Auflage, stattdessen ergänzt durch Prof. i. R. Dr. Eberhard Teuscher (Uni Greifswald) mit den von seiner Arbeitsgruppe in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts identifizierten Wirkungsmechanismen der ätherischen Öle an der Zellmembran und – besonders gut zusammengefasst – auf verschiedene Zelltypen.
Das vierte Kapitel von Mag. pharm. Dr. Eva Heuberger (ex Uni Wien) wurde nur unwesentlich verändert von der ersten Auflage übernommen. Da ihre Abhandlung über die Wirksamkeit von Riechstoffen auf das körperliche Befinden und auf das Verhalten zwar sehr spannend ist, jedoch auch lang und eher etwas trocken zu lesen ist, erfreut man sich spätestens ab diesen Seiten am übersichtlicheren zweispaltigen und zweifarbigen Layout des Buches, die feingliedrig-schlanke Typografie lässt sich prima lesen. Nun fällt auch wohltuend auf, dass die Quellenhinweise sich immer jeweils hinter den Abschnitten befinden, also immer gut zur Hand sind sind, sollte man sich dafür interessieren.
Texte aus der ersten Auflage, die unter anderem von Dr. Maria Liz-Balchin und von mir verfasst worden waren, sind an dieser Stelle nicht mehr zu finden.
Im nächsten Kapitel beschäftigt sich der Herausgeber Wolfgang Steflitsch mit den Reaktionen des Zentralnervensystems auf ätherische Öle und danach ganz kurz mit Resorption und Elimination nach Auftragen auf die Haut. Es folgt seine jeweils knappe Abhandlung über eine Studie von 1999, welche die Unbedenklichkeit von ätherischen Ölen in einer Duftlampe nachweist (mit Kerze und korrekt gehandhabt). An dieser Stelle wird wie auch an anderer Stelle nicht die Originalstudie als Beleg aufgeführt, sondern Sekundärliteratur. Im folgenden Abschnitt schreibt er einige kritische Anmerkungen zu klinischen Studien mit ätherischen Ölen. Abschließend unter ‚Lehren für die Zukunft‘ heißt es leider: „Im Rahmen pharmakologischer Studien sollte Tierversuchen wie auch Untersuchungen in isolierten Geweben von Tieren mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden“. Zudem ist von ‚jüngerer Zeit‘ die Rede, wo ein Artikel von Michael Kirk-Smith von 1996 erwähnt wird.

Teil B: Indikationen.
Nun können wir von Seite 59 bis 373 – nach medizinischen Fachgebieten gegliedert – nachschlagen: von Dermatologie und Geriatrie über Intensiv- und Palliativmedizin bis zu Psychiatrie und Schmerzmanagement. Jedes Gebiet wird eingeleitet mit einer Definition aus dem MSD-Manual sowie mit Angaben, wie in diesem Bereich konventionell therapiert wird, gefolgt von aromatherapeutischen Erläuterungen und Empfehlungen. Die meisten Bereiche werden von Wolfgang Steflitsch erläutert und mit Listen von zu empfehlenden ätherischen Ölen ergänzt. Andere Autoren sind Rainer Frühsammer bei ‚Dermatologie‘, Ingeborg Stadelmann bei ‚Schwangerschaft, Geburtshilfe und Säugling‘, Gerda und Karl Dorfinger bei ‚Infektiologie und Immunologie‘ sowie Eveline Löseke bei ‚Schmerzen‘.

Anders als in der ersten Auflage kann man sich nun wunderbar übersichtlich von Gebiet zu Gebiet bewegen, auch sind dieses Mal meistens die Quellen der zitierten Autoren angegeben. Wissenschaftliche Belege sind bei gut untersuchten ätherischen Ölen reichlich nachzulesen. Einige Rezepturen für die jeweiligen Gebiete runden fast immer das besprochene Gebiet ab.

Im Abschnitt 2.4 über Demenz und ätherische Öle, ein Thema mit dem ich mich recht gut auskenne, springt mir allerdings wie in der ersten Auflage ins Auge, dass Nicolette Perry, eine britische Wissenschaftlerin die sich seit vielen Jahren umfassend mit diesem Themenbereich beschäftigt, mit ihrem Vornamen statt ihrem Nachnamen als Quelle angegeben ist. An dieser Stelle fällt mir auch auf, dass (zu lange) Listen mit bis zu 32 Ölen, wie bei ‚Angstzuständen‘ empfohlen, den Pflegenden unter den LeserInnen, welche Menschen mit ätherischen Ölen begleiten möchten, nicht besonders gut weiter helfen werden. Knappe bewährte Empfehlungen einer erfahrenen Person – wie beispielsweise im umfangreichen Abschnitt von Ingeborg Stadelmann – wären möglicherweise hilfreicher für diese Zielgruppe.
Das nicht minder ausführliche Kapitel über Mikroorganismen dürfte alle verantwortlichen Pflegenden erfreuen, da reichlich wissenschaftliche Evidenz über das enorme Potenzial von ätherischen Ölen in diesem Bereich nachzulesen ist. Zwar werden auch viele ätherische Öle aufgeführt, die so gut wie niemand kennt, doch vielleicht tragen diese zu einer größeren Vielfalt in der Begegnung mit den immer aggressiveren und resistenten Mikroben bei.
Im Kapitel 10 über Onkologie verwundert mich der Satz, dass randomisierte und kontrollierte Studien bei schwerkranken Patienten nicht vertretbar sein sollen, wenn man bedenkt, wie zahlreich die Belege sowohl über die antitumorale Wirkung von ätherischen Ölen sind [im Buch wird der kaum gebräuchliche Begriff ‚antitumorös‘ verwendet]. Auch gibt es einige sehr vielversprechende Studien zur Verbesserung der psychische Befindlichkeit von Menschen mit Ängsten, sicherlich ein dankbares Thema in der Onkologie. Bis auf ein Öl (Lemongras) werden einige eher exotische, bei uns nicht erhältliche ätherische Öle in einer Tabelle ‚Ätherische Öle mit nachweisbar antitumoröser Wirkung‘ vorgestellt. Es werden im Laufe des Kapitels noch einige kleine Studien vorgestellt, allerdings nur von 1995 bis 2002, es gab jedoch in den letzten 10 Jahren zahlreiche wirklich erfolgsversprechende Untersuchungen (hauptsächlich an Gewebekulturen). Bei einer beschriebenen Studie, an der 69 Personen teilnahmen, soll es einen ‚klinischen Benefit‘ für 81 Patienten gegeben haben. Weiter unten liest man dann, dass sich 81 Prozent der Patienten nach aromatherapeutischen Anwendungen besser fühlten. In diesem Kapitel lesen wir auch von einer Untersuchung, die besser bei ‚Dermatologie‘ untergebracht worden wäre, denn es handelt sich um eine randomisierte Doppelblindstudie an Patienten mit Alopecia areata. Im Buch wird jedoch behauptet, die 86 TeilnehmerInnen litten an Haarausfall unter einer Chemotherapie. Das ist leider nicht korrekt, auch wenn man die teilweise ermutigenden Ergebnisse möglicherweise auf solche Nebenwirkungen der Krebsbehandlung übertragen könnte.

Das Kapitel über Atemwegserkrankungen ist in dieser Neuauflage erwartungsgemäß sehr ausführlich gehalten – Herausgeber Dr. Steflitsch ist Facharzt für Lungenheilkunde – und reflektiert auch sehr gut, dass in diesem Gebiet die meisten ätherischen Öle sehr erfolgreich einsetzbar sind.
Dagegen erscheint mir das Kapitel über Psychiatrie nach wie vor etwas „zusammengeschustert“, an etlichen Stellen erkenne ich den Wortlaut einer bekannten britischen Kollegin, die jedoch im Umfeld nicht genannt wird. Die mir inzwischen selbst seltsam vorkommenden Empfehlungen bei „Mutter- und Vaterproblematik“ entstammen aus meiner eigenen Feder. Sehr positiv fällt in diesem Kapitel die Betrachtung der Belastungssituationen der Pflegenden im institutionellen Bereich auf, sie leiden immer häufiger unter Stress- und Burnout-Symptomen. Für diese gibt es zwei ganze Seiten mit Auflistungen von hilfreichen ätherischen Ölen und vier Rezeptvorschläge.
Das Kapitel über ätherische Öle bei Schmerzen ist erfreulicherweise tüchtig angewachsen, denn ähnlich wie bei den Atemwegserkrankungen haben wir wertvolle (schmerzlindernde) Helfer unter den natürlichen Duftstoffen.  Viele wissenschaftliche Arbeiten untermauern das Thema (leider werden Schmerzstudien meistens an Tieren vorgenommen).

Teil C:  Aromatherapie und Aromapflege in der Praxis.
Dieser 70 Seiten lange Abschnitt lässt vierzehn erfahrene PraktikerInnen zu Wort kommen, jede[r] berichtet einige Seiten lang über sein/ihr Hauptgebiet wie Altenpflege, Hospizarbeit, Palliativpflege, Psychiatrie. Es werden praktische Hintergründe wie Dosierung, Wickelanwendungen (in zwei unterschiedlichen Abschnitten von zwei unterschiedlichen Autorinnen), Massagen, fette Öle als Trägersubstanzen sowie die Vorzüge und Grenzen von Fertigprodukten erläutert, so dass KollegInnen in ähnlichen Arbeitsbereichen reichlich Inspiration vorfinden werden. Auch die juristischen Hintergründe und Vorsichtsmaßnahmen wie Verträglichkeitstests werden erläutert.
Der Text über Einreibungen und Massagen passt meiner Meinung nach allerdings nicht zum sehr klar und sachlich verfassten Rest des Buches: Neben etlichen Tippfehlern und falsch geschriebenen Namen von Pflanzen finden wir darin Ausdrücke wie „Sesamöl -eines der ältesten Edelöle“, „Johannisblüten, die das Sonnenlicht speichern“, „Orange vermittelt Lebensfreude“ und „Rosmarin richtet den Rücken auf“. Sicherlich nicht so ganz ideal, wenn man ÄrztInnen und ApothekerInnen als Hauptleserschaft gewinnen möchte, was mit dem großen Rest des Buches sicherlich gut gelingen wird. Es wird auch vor dem Chemotyp Thymian Thujanol gewarnt, als läge eine Verwechslung mit dem Monoterpenketon Thujon vor (Thujanol ist jedoch ein gut verträglicher Monoterpenol); eventuell wäre an dieser Stelle eine Warnung vor Wintergrünöl angebracht, da es neuerdings gerne als Schmerzöl für Kinder angepriesen wird.
Das nächste Kapitel von Biologin und Heilpraktikerin Ruth von Braunschweig über fette Öle liest sich wieder hervorragend und die darauf folgende Aufklärung von Ingeborg Stadelmann über die Kunst des richtigen und erfolgreichen Dosierens ist ein wunderbar nachvollziehbarer Leitfaden für EinsteigerInnen.

Eliane Zimmermann Schule für AromatherapieEin besonderer Leckerbissen bei der Lektüre dieses Buches war für mich die Entdeckung einer noch nie da gewesenen fast 5-seitigen Tabelle über das Tropfengewicht von ätherischen Ölen. Seit Jahren zweifelte ich die alte Behauptung (die ich im Übrigen der Einheitlichkeit halber auch immer noch lehre!), dass 20 bis 25 Tropfen einem Milliliter ätherischen Öles entsprechen. Beim Abfüllen von über 100 Ölen in 2 ml-Fläschchen für meine Reisesets passten jedoch oft wesentlich mehr Tropfen als 40 oder 50 in die schmalen Phiolen. Gerlinde Engelhardt von der Bahnhof-Apotheke Kempten hat sich die Mühe gemacht und anhand von deren Tropfern das tatsächliche Gewicht ermittelt. So ist nun endlich meine Vermutung, dass 30 oder gar mehr Tropfen (mit den heute üblichen Tropfern auf den braunen Fläschchen) ein Milliliter ergeben, bestätigt. Einige Beispiele:

  • 46 Tropfen Cassiazimt (Cinnamomum cassia/aromaticum)
  • 44 Tropfen Weihrauch arabisch (Boswellia carteri)
  • 44 Tropfen Manuka (Leptospermum scoparium)
  • 41 Tropfen Zitronenverbene (Lippia citriodora/Aloysia citriodora)
  • 39 Tropfen Thymian Ct. Linalool (Thymus vulgaris Ct. Linalool)
  • 36 Tropfen Riesentanne (Abies grandis)
  • 34 Tropfen Salbei lavendelblättrig (Salvia lavandulifolia)
  • 33 Tropfen Weihrauchöl indisch (Boswellia serrata)
  • 33 Tropfen Lavendel (Lavandula angustifolia)
  • 31 Tropfen Thymian Ct. Geraniol (Thymus vulgaris Ct. Geraniol)
  • 30 Tropfen Sandelholz