Den meisten Menschen, die mit ätherischen Ölen zu tun haben, ist nicht bewusst, dass einst Wert auf das bei der Destillation entstehende Duftwasser gelegt wurde. Die „Fettaugen“, die auf dem begehrten Heilmittel und Kosmetikum schwammen, wurden zuzusagen in Kauf genommen. Denn als vor circa 4000 Jahren mit kleinen, sehr einfachen Ton-Destillen zwecks Duftgewinnung“geköchelt“ wurde, war der Ertrag an ätherischem Öle eher zu vernachlässigen.

Der feine „ölige“ Film, der sich auf das Duftwasser legte und legt, ist allerdings sinnvoll. Er schützt das empfindliche Produkt für eine gewisse (nicht lange) Zeit vor den Attacken des Sauerstoffs und der diversen Keime, die immer in der Luft schwirren. Da mutmaßlich eher in heißen Ländern destilliert wurde – das legen archäologische Funde aus Pakistan und Zypern nahe, hielt das Pflanzenwasser sicherlich noch nicht einmal einen Monat. Vor all diesen Zeiten gab es schließlich keine Kühlschränke, es wurde beispielsweise in Tonkrügen, welche in kühlem Wasser standen, möglichst in Höhlen und Erdlöchern, gekühlt.

John French The art of distillation, London 1651

Erst mit großen in industriellen Maßstäben eingesetzten Destillen waren nennenswerte Mengen an ätherischem Öl zu gewinnen. Selbst mit einer für Laien groß erscheinenden mehrere hundert Liter umfassenden Destille lohnt sich eine Profi-Vermarktung kaum. Die dafür hart arbeitenden Menschen können selten davon leben. Ätherische Öle im Massenmarkt, wie heutzutage immer weiter verbreitet, sind nur mit schier unendlich großen Plantagen und entsprechenden gigantischen Destillieranlagen profitabel. MäcDodo, Sternbucks-Kaffee und ähnliche weltumspannenden „Genusspaläste“ mit geschmacklich standardisierten Brötchen und Getränken lassen grüßen.

Hydrolate, heutzutage gerne mal als nutzlose und überempfindliche „Abfall- und Nebenprodukte“ betrachtet, gibt es mehr als reichlich und sie bergen mindestens genau so wertvolle Schätze: Die enthaltenen Spuren an wertvollen organischen Säuren machen sie zu wahren Wunderwässern für die Haut und für die Schleimhäute. Denn diese schätzt den niedrigen pH-Wert von oftmals 5,5 sehr, insbesondere wenn sie empfindlich ist oder gar unter Problemen leidet. Bei primären Hydrolaten aus kleinen Destillerien oder aus Heimdestillen, denen das jeweilige ätherische Öl also nicht (oder nicht vollständig) entnommen wird, ist das Problem mit der Haltbarkeit nicht so gravierend, denn dieses schützt und bereichert das Duftwasser.

Archäologische Funde im Nordwesten Pakistans (Taxila, Mohenjo-Daro) zeigen, dass dort bereits Alkohol mittels Destillation gewonnen wurde [Allchin FR. India: The Ancient Home of Distillation? Man – New Series, Vol. 14, No. 1 (Mar., 1979), pp. 55-63]. Das legen Funde eines schlichten Destillierapparates (vermutlich von 3000 v. Chr.) nahe. In der Nähe wurde Skelette in „eingefrorener“ Abwehrhaltung und mit Messern zwischen den Rippen ausgegraben. Die einstigen Destillateure befanden sich in der Nähe des kostbaren Werkzeugs für geradezu eine Ewigkeit in der trockenen Erde bestattet. Die Archäologen fanden auch ein Kästchen, das noch Spuren von Duftstoffen enthielt (Susanne Fischer-Rizzi: Auf der Suche nach den verlorenen Düften :: Werbung).

Im Folgenden teile ich anlässlich unseres Hydrolate-WEBinares ein Gespräch mit einem lieben pakistanischer Freund: Saad Admani lernte ich 2018 auf der Botanica-Konferenz in Brighton kennen. Er inspirierte die TeilnehmerInnen mit einem berührenden Vortrag über seine Arbeit im Tal des großen Flusses Indus, wir unterhielten auf Spaziergängen und in Pausen buchstäblich über „Gott und die Welt“.

Saad Admani und Eliane Zimmermann auf der Botanica2018-Konferenz

Saad Admani ist Geschäftsführer von Moonstar Admani Rose Gardens und der Teamleiter des Indus Valley Rose Sustainability Project (viele inspirierende Fotos und auch Informationen sind auf der Facebookseite des Projektes zu finden). Das IVRSP pflegt den ethischen Anbau von Rosen und die achtsame Destillation von reinem Bio-Rosenhydrolat und Bio-Jasminhydrolat. Damit wird nicht nur der einheimische Markt versorgt, diese und andere duftende Produkte werden auch in alle Welt exportiert. Zudem ist das Ziel, dass die Ausübung dieser Jahrhunderte alten Tradition im Industal den Menschen der umliegenden Region erhalten bleiben soll.

Saad erzählt gerne über die kulturelle Bedeutung der Rose in seinem Land und für seine Religion. Auch über die Verbindung der Rose für den praktischen Alltag der Bewohner seines Dorfes weiß er zu berichten. Er setzt sich für einen inspirierenden Ausgleich zwischen Fortschritt und Tradition ein. Ich finde es hoch spannend, dass also heute noch dort destilliert wird – vor allem Rosenwasser –, wo unsere menschlichen Urahnen bereits diese Kunst beherrschten. Er beginnt unsere Unterhaltung mit dem Ausruf: „Frage jemanden, was den Indus so berühmt macht, und die Antwort wird sein: Gul-e-Habibi (Indus-Tal Rosa Centifolia)!“

EZ: Lieber Saad, die Verehrung der Rose in deiner Heimat hat Geschichte geschrieben, erzähle uns bitte etwas darüber!

SA: Von der Zivilisation des Indus-Tals (2600 bis 1900 v. Chr.) bis zur Moghul-Dynastie (1526-1857) war die Indus-Region dafür bekannt, die Hundertblättrige Rosa x centifolia zum Hydrolat zu verarbeiten. Dieses ist bereits seit langen Zeiten ein altes Schönheitsgeheimnis der Frauen in der Region. Die Rosa x centifolia erlangte ihre kulturelle Bedeutung durch die Liebe unserer Herrscher (Moghule) für dieses wunderbare Geschenk der Natur. Der Moghul-Kaiser Babar (1526-1857) war dermaßen von Rosen fasziniert, dass er all seinen Töchtern Rosennamen gab. Der Moghul-Kaiser Akbar (1556-1605) ist bis heute dafür bekannt, dass er ganze Kamel-Ladungen mit Rosen mitnahm, um sie den Ehefrauen seiner Verbündeten als Gastgeschenk zu überreichen.

EZ: Ich verwende seit über 30 Jahren Rosenhydrolat, auch meine Söhne kennen es bereits seit ihren ersten Lebenstagen! Wie müssen wir uns den Anbau von kontrolliert biologisch wachsenden Rosen für die kommerzielle Nutzung vorstellen?

SA: Pflügen, Unkraut jäten, beschneiden – bei uns wird alles von Hand gemacht. Wir erlernten die  traditionellen Anbaumethoden von unserem geliebten Großvater, darum halten wir unsere Moonstar-Admani-Gärten so naturnah wie möglich. Wir stärken unsere Rosen beispielsweise mit Kuhmist, also nur mit natürlichen Düngern. Bei schwerem Schädlingsbefall wenden wir gekochtes Neemsamen-Wasser an, das als biologisch-dynamisches Schädlingsbekämpfungsmittel wirkt.

Vor Sonnenaufgang, wenn die Duftintensität am höchsten ist, werden die Blüten der dornigen Rosa x centifolia von Hand gepflückt und direkt vor Ort in den Moonstar Admani Rose/Arabian Jasmine Gardens destilliert. Die manuelle Destillation ist eine komplexe Kunst, die seit Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben wird, sie erfordert viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Der Daig darf sich beispielsweise niemals überhitzen, sonst wird der Duft zu rauchig. Es ist die Komplexität des Destillationsprozesses, die unser Rosenhydrolat so wertvoll und anerkannt macht.

Echtes Rosenwasser enthält ätherisches Öl – wir entnehmen es nicht. Durch den achtsamen Umgang mit den Blüten, die traditionell in handgefertigten Kupfer-Alambics, so genannten daig destilliert werden, können wir ein wirklich exklusives Bio-Hydrolat von reinster Qualität anbieten.

EZ: Deine Familie destilliert auch ein wirklich bezauberndes Bio-Jasminhydrolat aus Jasminum sambac. Wird es ähnlich verwendet?

Ringelblumen, Chrysanthemen, Tuberosen (oben rechts) und Jasmin sambac (unten links und rechts)

Die Liste der guten Eigenschaften dieses Blütenwassers ist mindestens so lang wie die des Rosenhydrolates. Es hilft Schmerzen und Entzündungen zu reduzieren. Bei Husten, Schnupfen und Fieber ist es sehr hilfreich, genau so bei Stress-Symptomen, Stimmungsschwankungen und chronischer Müdigkeit. Die antioxidativen Eigenschaften können sogar verhindern, dass Zellen entarten. Auf alle Fälle ist es ein Verjüngungsmittel („antiaging“), es verschönert die Gesichtshaut, verhilft zu glänzenden Haaren und hilft bei gereizter Kopfhaut.

Zudem wird es traditionell eingesetzt, um Wehen-Schmerzen während der Geburt abzumildern. Wenn das Baby dann da ist, wird mit Jasminhydrolat der Milchfluss stimuliert. Auch Menstruationskrämpfe werden damit gelindert. Es gilt als Aphrodisiakum und hilft, die Geschlechtshormone bei Männern und Frauen zu balancieren. Freilich kann es eingenommen werden, es ist traditionell eine wichtige Zutat unserer lokalen Kochkultur.

EZ: Lass uns nun ein bisschen in deine für uns so ferne Welt eintauchen! Wie kommt ein so junger Mann dazu, die Verantwortung für ein dermaßen umfangreiches Projekt zu übernehmen?

SA: Meine Familie seit vier Jahrzehnten mit Blumen und Kräutern assoziiert, denn mein Großvater begann als Sammler von wilden Pflanzen. Die Leidenschaft für das Sammeln wilder Kräuter ist in der Familie bis zum heutigen Tag ungebrochen. Im Indus-Tal war die Tradition, Rosa x centifolia anzubauen, lange Zeit verloren gegangen. Wir eröffneten 1989 die Moonstar Admani-Gärten in unserem Dorf, um die kostbare Rose wieder anzubauen und um die Nachfrage im heimischen Blumenmarkt zu befriedigen.

Als Kind spielte ich nach der Schule im weitläufigen Familiengarten und half meinem Großvater bei der Pflege der Rosenpflanzen. Ich verbrachte später vier Jahre außerhalb meines Dorfes, um auf Wunsch meines Großvaters ein Wirtschafts-Studium zu absolvieren. In der kontinuierlich wachsenden Millionenstadt zu leben hat mein Bewusstsein dafür geschärft, dass wir Menschen in jedem Lebensbereich von minderwertigen und giftigen Chemikalien umgeben sind.

Jasmin sambac, etwas leichter, weniger „schwül“ im Duft als das „normale Jasmin-Absolue aus J. grandiflorum

Durch die Zeit in der Großstadt wurde mir klar, wie wichtig es ist, das Erbe unserer ländlichenTraditionen zu schützen und auch gleichzeitig unsere Gesundheit. Der achtsame Umgang mit unserem Planeten versteht sich dann von selbst. Nach meinem Abschluss kehrte ich zurück, um meine Zeit und Energie dem ethischen Anbau der Rosen zu widmen. Auch Nachhaltigkeit sowie die Wiederverbindung mit der Natur liegen mir am Herzen. Ich finde es auch wichtig, mich um das Wohlergehen unserer landwirtschaftlichen Gemeinschaften in meiner Heimat-Region zu kümmern.

Nun bin ich die dritte Generation in unserem Familienunternehmen. Mit der Gnade Gottes, des Allmächtigen, schütze und betreue ich über 125 Hektar Land (550 Morgen, der größte Landbesitz in der Region). Hier im Tal des mächtigen Flusses Indus bauen wir Rosa centifolia an, auch arabischen Jasmin (Jasminum sambac), Ringelblumenblüten (Calendula), Tuberose (Polianthes tuberosa) und Granatapfelblüten (Punica granatum). Wir liefern nicht nur frische Blumen für den inländischen Markt, sondern exportieren auch Trockenblumen und getrocknete Heilkräuter (Produktliste). Obendrein destillieren wir reine handgemachte Blütenhydrolate ohne Zusatz von Chemikalien – anders als viele „Rosenwässer“ frei von Parabenen, Sulfiten, synthetischen Farbstoffen und Duftstoffen.

EZ: Mit eurem Projekt kümmert ihr euch um die Ärmsten der Armen, ihr unterstützt Kinder und insbesondere junge Mädchen darin, dass sie durch Bildung bessere Chancen in ihrem Leben erreichen können. Was unternehmt ihr dafür?

Eliane Zimmermann AiDA Schule für Aromatherapie

Tuberose, Polianthes tuberosa, eines der besonders betörenden und schweren Blüten-Absolues

SA: Die mangelnde Bildung stellt aus unserer Sicht die größte Sorge unserer Region dar – die Alphabetisierungsrate liegt nur bei circa 55 Prozent der Menschen. Die Qualität der Bildung leidet an der mangelnden Infrastruktur, es gibt nur unzureichende Lehrmaterialien und die Ausbildung von Lehrkräften könnte verbessert werden. Gerade mal 14 Prozent der ärmsten Mädchen und 22 Prozent der ärmsten Jungen können Geschichten in unserer Muttersprache lesen. Mädchen aus armen Familien erhalten im Durchschnitt nur ein Jahr lang eine Ausbildung während ihres gesamten Lebens.

Ungefähr 40% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, da sie nicht genügend qualifiziert sind, um für entsprechende Beschäftigungen geeignet zu sein. Ich halte es für wichtig und geradezu NOT-wendig, dass wir unsere Ressourcen und unsere Zeit für diese Sache investieren. Daher glauben wir, dass unsere Familie in dieser Region die Bedürfnisse der Menschen, soweit menschlich möglich, unterstützen kann und ihnen gleichzeitig zu innerem Frieden und Zufriedenheit verhelfen kann. In der Hoffnung, Chancengleichheit für alle zu schaffen.

EZ: Bei euch finden die Menschen also nicht nur Arbeit, sondern ihr kümmert euch auch um deren Familien?

Ja, das ist uns ein besonderes Anliegen. Im Rahmen der IVRSP-Initiative arbeiten wir zusammen mit der Aman-Schule (Aman bedeutet Frieden in der unserer Sprache), die einem traditionellen Lehrplan für die Schulbildung folgt. Wir integrieren ein formales englisches Bildungssystem mit Unterricht in Englisch, Geschichte, Wissenschaften, Allgemeinwissen und Islamkunde. Es werden zudem grundlegende Regeln der Hygiene, Toleranz und Respekt für andere gelehrt.

Abends bieten wir Nähkurse für Frauen an, die bisher jenseits der Tätigkeiten im eigenen Haushalt nichts tun durften und konnten. Wir arbeiten daran, die Schuler und Schülerinnen mit besserem Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene zu versorgen. Auch ein Ausflug in den städtischen Zoo von Karatschi werden wir mit den Schülerinnen und Schülern unternehmen, kostenloses Mittagessen für alle inklusive. (Ich erinnere mich, wie glücklich ich war, als die Lehrerinnen und Lehrer in meiner Kindheit eine Exkursion ankündigten). Und wir werden überholte Desktop-Computer zur Verfügung stellen, um das technische Know-How der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Die IVRSP ist eine Initiative, um mehr Menschen für die Sache zu gewinnen. 10 Prozent unseres Gewinns werden für diesen Zweck gespendet, in der Hoffnung, Chancengleichheit für alle zu schaffen.

EZ: Saad, das war nun wie eine kleine Weltreise in deine Heimat. Ich danke dir für diesen spannenden Einblick in deine duftende und überaus arbeitsintensive Welt!

WERBUNG  ::  Am Donnerstag 4. Juni bieten wir nochmals das Webinar zum Kennenlernen der Hydrolate an. Wir beschreiben, wie es zu dem ausgesprochen hautfreundlichen pH-Wert der duften Pflanzenwässer kommt, wie es zu dem Unterschied zwischen primären und sekundären Hydrolaten kommt, worauf bei der Haltbarkeit geachtet werden muss und stellen freilich viele schöne Rezepturen mit Hydrolaten vor.

Eliane Zimmermann Schule für AromatherapieFür heute sind noch Plätze frei, das kostenlose Webinar „Hilfe so viele Öle – Über die Chemotypen“ wird wiederholt. Den direkten Link gibt es hier.

Passend zum Webinar kann das Hydrolate-Plakat im Shop bestellt werden, gerne mit der Frühjahr-Ausgabe 7 von aromaMAMA.

Für das extrem praktisch und erlebnisorientierte Seminar mit der talentierten Christine Lamontain Duftdialog in der (Aroma-) Pflege (Modul 1) für kommendes Wochenende sind noch Plätze frei (im Hunsrück). Wer einmal erLEBEN durfte, wie faszinierend die individuelle Reaktion auf Naturdüfte ist, wenn nicht bekannt ist, was man riecht, bekommt einen völlig neuen Blick auf ätherische Öle, Duftpflanzen, Verdünnungen und vor allem auf die seelischen Wirkungen von Duftmolekülen.

Fotos im Header und Collagen: Saad Admani, Foto Saad & Eliane: Julie Bruton-Seal, Fotos Tuberose und Sambac-Jasmin: Eliane Zimmermann