Kürzlich verfolgte ich auf Facebook eine Diskussion, in der es um Chemotypen vom Thymianöl ging. Jemand meinte, es sei doch nicht wichtig, sich mit diesem Unterschied zu befassen. Hoppla, dachte ich mir, da hat jemand allenfalls eine theoretische „Ausbildung“ in Aromatherapie durchlaufen. Wer die Gelegenheit hatte, die unterschiedlichen Thymianöle ausgiebig schnuppernd zu vergleichen, wird Welten zwischen diesen Düften fest stellen können.

In Prüfungen, die ich abnehme, bekommt jede/r Proband/in zwei konträre Öle zu riechen, also beispielsweise Thymian Ct. Linalool und Thymian Ct. Thymol. Weil die Prüflingen naturgemäß immer sehr aufgeregt sind, muss gar nicht identifiziert werden, um welche Pflanze oder um welches Öl es sich handelt, schon gar nicht verlange ich den wissenschaftlichen Namen der Pflanze. Nein, ich frage ganz einfach: Welches Öl würdest du einem Kleinkind geben, welches nicht? Welches Öl passt eher zu einem robusten und ingesamt gesunden Mann (der momentan erkältet ist)? Welches Öl würdest du eher einer sehr alten zarten Frau gegen ihren Husten einreiben?

Bislang konnte jede/r diese Fragen beantworten, wenn die Nase sich beteiligen durfte/konnte. Das ist einer der Gründe, warum ich gegen Fernstudien ganz ohne Präsenzunterricht bin. Bei manchen Naturdüften geht es nicht ohne Nase (eigentlich bei allen!). Als zukünftige Fachperson für ätherische Öle, MUSS man sich mit den unterschiedlichen Gerüchen der Chemotypen mancher Öle auskennen und sie möglichst er-riechen können. Ist in einem Rosmarin besonders viel Campher enthalten, verwende ich es nicht bei Kleinkindern und schwangeren Frauen, duftet Myrtenöl eher blumig-süß statt eukalyptusartig, werde ich ersteres eher dem Asthmatiker empfehlen. Ganz zu schweigen von der Gesamtqualität von ätherischen Ölen: Diese sollte nach einiger Erfahrung gerochen werden können, also ob etwa bei Rosenöl oder Jasminabsolue tüchtig mit Labormolekülen nachgeholfen wurde oder nicht, ob Lindenblüte natürlichen Ursprungs ist oder synthetisch (letzteres duftet sogar meistens viel besser 🙁 ).

Thymian_x_citriodorus_xsAuch ist die geschulte Nase beim Beurteilen, ob ein Naturduft zumutbar für die Haut ist, immens wichtig: Selbst Lavendel hält nicht ewig (strenge Stimmen sagen nur 1,5 Jahre, wenn empfindliche Haut damit behandelt werden soll), Lemongrass verliert mit der Zeit seine frisch-zitronige Note, Mandarine erinnert leider viel zu schnell an verschimmeltes Obst, Teebaum weckt Assoziationen an Pinselreiniger. Wie soll man diese immens wichtige Qualitätskontrolle per Fernstudium lernen?! Und wie soll man die tiefe innere/seelische Wirkung von Naturdüften erfahren können, wenn man nicht in Ruhe an ihnen schnuppern kann!!?? Doch nun zurück zum Thymian.

Das ätherische Öl aus den Zweiglein und Blättchen des  Thymus vulgaris wird aus (mindestens) sechs Chemotypen destilliert, also aus Thymianpflanzen mit sechs unterschiedlichen chemischen Schwerpunkten (oder Leitsubstanzen). Je nachdem wie hoch auf dem Berg oder wie nah am Meer das Heilkraut wächst, reagiert es unter anderem auf die UV-Strahlung und bildet andere Inhaltstoffe in unterschiedlichen Zusammensetzungen aus.

Eliane Zimmermann Schule für AromatherapieDas klassische, seit Jahrhunderten in der Medizin bekannte Thymianöl stammt aus Pflanzen in eher niedrigen Lagen und ist reich an Thymol und Carvacrol, das sind stark wirksame Monoterpen-Phenole (Moleküle aus 10 Kohlenstoffatomen, die sich innerhalb des Moleküls zu einer Sechserkette „verknoten“). Diese sind für fast jeden krank machenden Mikroorganismus fatal. Man nannte diese zwei streng duftenden Öle früher Thymian rot (Ct. Thymol) und Thymian schwarz (Ct. Carvacrol), da beide Moleküle die Eisendestille angreifen und sich das Öl dann entsprechend verfärbt. Heute werden jedoch fast nur noch Edelstahldestillen bei der Produktion eingesetzt, so dass das Öl transparent-hellgelb ist. Die bekanntesten Chemotypen von Thymus vulgaris L. sind:

Thymian Ct. Thymol (Thymus vulgaris L.) enthält – je nach Lieferant – zwischen 35 und 55 Prozent Thymol und ist somit eines der besten Öle bei der Abwehr von Infektionen im HNO-Bereich und bei Pilzinfektionen, vor allem der Füße. Zudem ist es hilfreich bei Schmerzen von Gelenken und Muskeln. Da die Monoterpen-Phenole jedoch auch stark haut- und schleimhautreizend wirken, darf für den Hausgebrauch immer nur eine maximal 1%-ige Verdünnung auf die Haut aufgetragen werden

Die selteneren Thymianöle gedeihen nur in hohen und mittleren Lagen (benötigen also mehr ultraviolettes Licht, um die sanften Inhaltsstoffe auszubilden), sie sind wesentlich kostenintensiver, eignen sich jedoch wegen ihres hohen Gehaltes an verschiedenen hautfreundlichen Monoterpenalkoholen Linalool, Thujanol-4 und Geraniol besser für die Selbstbehandlung.

Thymian Ct. Linalool (Thymus vulgaris L.) findet man fast immer bei gut sortierten Ölefirmen, dieses fein duftende Öl beeinflusst den Atemtrakt positiv bei Erkältung, Husten, Bronchitis, Ohrenschmerzen und Stirnhöhlenentzündung – insbesondere sehr empfindlichen (älteren) oder beeinträchtigten Menschen und bei Kindern.

Thymian Ct. Thujanol-4 (Thymus vulgaris L.) ist schwer zu kultivieren und darum eher eine seltene und kostenintensive Rarität (das Öl kann über 30 Euro für 5 ml kosten!). Es wirkt stark antiviral und zeigt insbesondere bei gynäkologischen Clamydien-Infektionen gute Erfolge.

Thymian Ct. Paracymen [auch p-Cymen] (Thymus vulgaris L.) ist in der französischen Aromatherapie beliebt als starkes Mittel bei Gelenk- und Muskelschmerzen, das Öl kann je nach Gehalt an p-Cymen bei empfindlicher Haut irritierend wirken.

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Andere Thymian-Arten, die also keine Thymus vulgaris L. sind, können auch gut in der Aromatherapie eingesetzt werden, auch unter ihnen sind Chemotypen bekannt.

  • Thymus mastichina (L.) L. enthält bis zu 75 Prozent 1,8-Cineol, duftet also eukalyptusartig-frisch. Da das Öl in seiner Heimat Spanien als mejorana bekannt ist, ist es im deutschsprachigen Bereich oft als (Wald-)Majoran zu finden, es setzt sich jedoch völlig anders als das Öl des echten Majoran (Origanum majorana) zusammen. Es ist ein ausgezeichnetes Anti-Erkältungsöl, das auch Kinder gut vertragen, da es weder stechend noch medizinisch riecht.
  • Thymus serpyllum L. ist der in ganz Europa auch wild wachsende Quendel, sein Öl kann in Zusammensetzung und Duft sehr unterschiedlich ausfallen.
  • Thymus zygis L. aus Spanien gilt gegenüber dem Thymian Ct. Thymol-Öl aus der Provence als nicht so hochwertig, seine bis zu 75 Prozent an hautreizendem Thymol machen die Anwendung für Laien schwierig. Diese Pflanze kann auch einen seltenen milden Linalool-Chemotyp hervorbringen.
  • Thymus capitatus (L.) Hoff. et Link. (oder Coridothymus capitatus) wird auch Spanischer Oregano genannt, durch den Gehalt von bis zu 70 Prozent hautreizendem Carvacrol ist es nicht für den Hausgebrauch geeignet.
  • Thymus citriodora ist eine unkorrekte Bezeichnung für Thymus x citriodorus (Pers.) Schreb., das ist der Zitronenthymian, oft wird jedoch der Linalool-Typ auch
    als Zitronenthymian bezeichnet.

Achtung: Die phenolhaltigen Thymianöle, also Chemotyp Thymol und Chemotyp Carvacrol sollten niemals unverdünnt auf der Haut verwendet werden und nicht dauerhaft bei sehr hohem Blutdruck im Einsatz sein, sie gehören nicht in die Hände von medizinischen Laien.

Studie: Eine nützliche wissenschaftliche Arbeit zu Thymianöl und seine Wirkung gegen vielfach resistente Bakterienstämme, die im klinischen Bereich vorkommen: Sienkiewicz M, Lysakowska M, Denys P, Kowalczyk E: The Antimicrobial Activity of Thyme Essential Oil Against Multidrug Resistant Clinical Bacterial Strains. Microb Drug Resist. Microb Drug Resist. 2012 Apr;18(2):137-48.

Thymus_mastichina_webAusprobieren: Zwei Öleanbieter führen jeweils etliche Thymianöle: Maienfelser hat derzeit 17 (!) unterschiedliche Thymianöle im Angebot, Oshadhi und Ronald Reike bieten immerhin jeweils acht unterschiedliche Thymiandüfte.

Abbildung T. mastichina: Vielen Dank an Patrizia Wyler Cassani, die extra für mich in den Botanischen Garten zum Fotografieren ging, damit auch ich mal lerne, wie die Rarität des hübschen Thymus mastichina aussieht!