Wir alte Aromatherapie-Hasen und -Häsinnen wissen manchmal nicht so recht, ob wir schallend lachen sollen oder in Tränen ausbrechen, wenn wir die neuen Manifeste rund um ätherische Öle zu hören und zu lesen bekommen. Einige von uns Kolleg/innen sind in einschlägigen Foren und Gruppen unterwegs, manche offen, viele inkognito. Denn darin können Aufforderungen gesichtet werden, Teilnehmer/innen mit kritischer Einstellung „zu melden“. Die weltweiten braun gefärbten sozialen und politischen Strömungen schwappen jeden Monat ein Stück weiter in die Aromatherapie-Branche. Es kann einem angst und bange werden, wenn unwissenden SucherInnen verdrehte und erfundene Dinge als Fakten verkauft werden.

Ach so, kleines Beispiel gefällig? Ein geradezu literarischer Leckerbissen, der kürzlich zu lesen war: „Ätherische Öle bestünden aus Kohlenstoffen.“ Soweit, so gut. „Wir auch.“ Volltreffer! „Synthetische Medizin auf Erdölbasis bestünde nicht aus Kohlenstoff, hätte also keine gemeinsame Basis zu uns Menschen, darum könne sie nicht perfekt an die Rezeptoren unserer Zellen binden.“ 😀 Chemische, physikalische, medizinische Tatsachen werden laufend verfremdet, angepasst, auf den Kopf gestellt. Dafür wird eine ganz eigene „Wissenschaftlichkeit“ ständig suggeriert. Beispielsweise dass Teebaumöl aus einem erheblichen Anteil an Phenolen bestünde. [Jeder Mensch lernt im Grundkurs über ätherische Öle Analysen kennen, diese besagen übereinstimmend etwas ganz anderes]. Sogar wir langjährige Dozentinnen werden gerne mal eines Besseren belehrt, so wurde mir kürzlich im Brustton der Überzeugung erklärt, dass die Zeder, von der ich spreche (Cedrus atlantica), gar keine Zeder wäre. Da bleibt einem manchmal wirklich der Mund offen stehen. Und die Erde ist eine Scheibe, ganz genau.

Das wäre ja alles noch recht lustig, wir könnten vielleicht sogar leicht mitleidig über fanatische und verirrte Verkäufer/innen schmunzeln. Doch es werden teils gefährliche, in vielen Fällen langfristig auf die Gesundheit schädigend wirkende Tipps wie ein Flächenbrand in „sozialen Medien“ verbreitet. Im Namen der Verkaufsförderung, der Gewinnmaximierung, des finanziellen Umsatzes. Manchmal auch im Namen der Religion: Einer lieben Bekannten wurde suggeriert „schon Jesus salbte und ölte kranke Menschen, auf diese Weise kannst du nun auch heilen“. Nicht nur mich schüttelt es, wenn ich sowas höre, auch meine Nachbarin und mir sehr nahe stehenden Freundin, Elaine O’Regano sieht sich laufend mit dieser Thematik konfrontiert. Sie fasste die besorgniserregenden Aussagen zusammen – ich finde, der morgige Narren-Sonntag passt prima zum Thema:

Heiliger Oregano sei mit uns: Neulich spricht mich jemand von dieser US-amerikanischen Sekte an, sie wissen schon, das sind die, die den Heiligen Oregano so immens verehren. Sie hätten unglaublich neuartige Produkte, die so viel besser als jede etablierte Medizin seien, weil sie damit fast sämtliche gesundheitliche Plagen der Menschheit kurieren werden könnten.

Die überaus sympathische und gar nicht religiös-altbacken daher kommende Dame begann ihre Mission, indem sie mir geduldig erklärte, dass sogenannte Wissenschaftler zwar einst behauptet hätten, dass Oregano in höheren Dosen genossen die guten Darmbakterien angreifen könne. Doch das sei ein Mythos, der vor dem traumhaften Aufstieg der Oregano-Gläubigen fälschlicherweise überall verbreitet worden sei.

Da ich mich bislang immer gerne vielseitig informiert hatte, war mir sowas auch mal zu Ohren gekommen. Ich hatte mir sogar die Details der Wirkweise des Oregano von Wissenschaftlern erklären lassen. Er halte zwar viel von dem auch als Küchengewürz bekannten Kraut als ‚natürliches Antibiotikum’, erklärte mir einmal ein auf das menschliche Darm-Mikrobiom spezialisierter Wissenschaftler. Doch wie nach der Einnahme von konventionellen antibakteriell wirkenden Mitteln riet er dringend zu einer Darmsanierung in Folge. Denn die ‚guten Bakterien’ können durch das an keimwidrigen (und schleimhautreizenden) Phenolen reiche Lippenblütlengewächs stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Schon gar nicht solle man dessen ätherisches Öl ‚einfach so’ einnehmen, in dieser Weise würde ja auch niemand mit Antibiotika-Tabletten verfahren.

Die Oregano-Anbeterin belehrte mich eines Besseren: Alle diese Wissenschaftler seien auf ein „Missverständnis der Biologie“ hereingefallen, so erklärte sie mir  – immer mit dem Fläschchen des angebeteten Heiligen Oregano in der Hand. Denn es hätte bis zum Aufstieg ihrer heilbringenden Religionsgemeinschaft ausschließlich verfälschte Oreganoöle auf dem Markt gegeben. Weltweit, ja, man stelle sich das mal vor! Überall nur Fälscher, Strecker und Lügner.

Ich bin erleichtert, endlich habe ich zur Wahrheit gefunden. Wie dankbar bin ich, denn fast wäre ich auf Verschwörungstheorien von wissenschaftlichen Studien rein gefallen.

Doch es geht weiter im Evangelium des Heiligen Oregano. Ich lernte, dass das einzig wahre Heilige Oreganoöl „biologisch intelligent“ sei. Das könne ich daran erkennen, dass es „selektiv mit den unterschiedlichsten Mikroorganismen interagieren könne“. Das Heilige Oreganoöl könne nämlich zwischen schädlichen und gesunden Organismen unterscheiden! Das muss man sich mal vorstellen: Was für eine Weisheit, dicht verpackt in einem kleinen braunen Fläschchen. Überhaupt, welch ein Wunder, dass eine ganze Schubkarre voller Kraut des Heiligen Basilikum durch ein religiöses Ritual in einen Tropfen duftenden Öles transformiert werden kann. Zum Anbeten göttlich!

Ein Hoch auf meine Darmflora, sie muss geradezu leuchten vor brauner Glückseligkeit. Denn der Heilige Oregano „gleite an meinen Zellen vorbei“, so vernahm ich weiter. Auf diesem „Weg durch die Zellen“ werde auch noch alles entgiftet. Zudem werden meine guten Bakterien nicht zertrümmert, wie es bei chemischen Medikamenten der Fall sei. Was für ein braunes Wunder!

Ferner wurde mir versichert, dass selbst meine Leber aufatmen könne, denn der Heilige Oregano sei niemals „hart“ zu meinem Entgiftungsorgan. Er wirke so völlig anders als alle Medizin auf Erdölbasis, diese sei ja bekanntermaßen „hart“ zu unseren Körpern. Ätherische Öle seien auf Kohlenstoffen aufgebaut – ganz genau wie wir Menschen! Das ist ja mal eine gute Botschaft! Wie vernebelt muss mein Chemiedozent gewesen sein, uns beigebracht zu haben, dass Mineralöle auch aus Kohlenstoffen aufgebaut sind. Ich verneige mich vor diesem himmlischen Wissen. Dass ich das wahre Evangelium vom Oregano nicht schon vorher vernahm!

Die Wissenschaft rund um den Heiligen Oregano besage jedoch noch viel mehr, konnte ich weiters erfahren: Unsere Zellen seien mit ganz besonderen Rezeptoren ausgestattet, die perfekt für die Bindung mit dem Heiligen Oregano ausgestattet seien. So könne dieser einerseits an der Oberfläche von Zellen und gleichzeitig genau so effektiv innerhalb von Zellen wirken. Na das klingt wie ein von König David gesungener Psalm auf meine dürstenden Zellen! Die sympathische Jüngerin ergänzte noch, dass synthetische Pharmazeutika auf Erdölbasis niemals so passgenau an die Empfangsstellen unserer Zellen andocken könnten wie der Heilige Oregano. Oh Frau ist der schlau. Man munkelt, der Oregano habe einen bemerkenswert hohen IQ, höher noch als der seiner glaubens-starken Jüngerinnen.

Wie dankbar darf ich deshalb sein, dass ich als aufgeklärter und gläubig-gefestigter Mensch aus dieser Einweihung gehen durfte. Was sage ich gehen …–  ich war nur noch am Schweben! Und das Schönste von Allem: Ich kann nun mein tägliches Fitnessgetränk mit sechs Tropfen Oreganoöl wieder genießen, ohne mich von irgendwelchen fehlgeleiteten Wissenschaftlern irritieren zu lassen. Das tägliche halbe Kilo des in Öl-Tropfen verwandelten Heiligen Krautes wird mich stärken und vor Fehlglauben beschützen. Ich bin so unendlich froh über diese quasi-göttliche Erleuchtung, dass ich geneigt bin, demnächst eine großzügige Spende an die Hüterinnen des Heiligen Oregano zu machen. Oh göttlicher Oregano hilf. Kannst Du vor diesem Schritt auch noch mein Geld vermehren? Om-Oregano-Padme-Om.

WERBUNG? Nein, leider keine Werbung, sondern bittere Wahrheit, wörtliche „Zitate“ wurden gekennzeichnet.
Foto Hände: Sincerely Media/Unsplash, Foto Naturanbeterin: Ben White/Unsplash, Foto Sektenjüngerin: Pawel Szvmanski/Unsplash